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Die Fastenaktion der Evangelischen Kirche 2017

Augenblick mal! Sieben Wochen ohne Sofort

Es gibt Situationen im Leben, die keinen Aufschub vertragen. Günstige Gelegenheiten muss man beim Schopf ergreifen. Wer da sagt: „Augenblick mal“, verpasst womöglich den entscheidenden Moment

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Bei der Vorbereitung dieses Tiefblicks habe ich ein neues Wort gelernt: Sofortness. Der Österreicher Peter Glaser hat den Begriff geprägt und 2007 erstmals verwendet. Dieses deutsch-englische Kunstwort beschreibt die gestiegene Erwartungshaltung von Kunden. Durch die digitale Vernetzung und ständige Erreichbarkeit entsteht der Anspruch, sofort und jederzeit etwas kaufen zu können oder Informationen zu erhalten. Das Netzpublikum ist ungeduldig. Sofort ist gerade noch schnell genug. Wenn eine Einkaufsseite im Internet nicht innerhalb von drei Sekunden geladen ist, klicken sie vierzig Prozent der potentiellen Kunden wieder weg. Und da man alles Bestellte auch möglichst sofort haben will, stehen Logistiker vor ganz neuen Herausforderungen.

Die neue Ungeduld zeigt sich nicht nur im Internet, sondern auch im richtigen Leben. Wenn im Supermarkt nicht schnell genug eine weitere Kasse öffnet, reagieren die Menschen schnell ungehalten. Autofahrer sind im Stau früher gestresst.

Die zunehmende Beschleunigung in der Moderne hat ihre Schattenseiten. Das hohe Arbeitstempo und die Fülle der in kurzer Zeit zu erledigenden Aufgaben führen schnell zu Überforderung. Krankhafte Erschöpfung nimmt zu. Wenn mehrere Dinge gleichzeitig erledigt werden, steigt die Fehlerquote. Wir sollten jedoch nicht nur fragen, wie wir schneller und produktiver werden können. Wir sollten vor allem fragen, welche Geschwindigkeit eigentlich gut für uns Menschen ist. Was führt zu einem erfüllten und guten Leben?

Das Motto der Fastenaktion 2017 bietet eine Kur der Entschleunigung an. Es legt nahe, sich dem Zeitdruck einmal zu verweigern: Sieben Wochen ohne Sofort. Es ermutigt zur heilsamen Unterbrechung: Augenblick mal! Innehalten. Pause machen. Durchatmen. Doch wird mit Langsammachen alles besser?

Manchmal zählt wirklich jede Sekunde. Etwa bei einem Schlaganfall. Sofortige Hilfe entscheidet da über Leben und Tod. Wenn jedoch auf der Rechnung steht „sofort fällig und ohne Abzug zu bezahlen“, muss man das nicht wörtlich nehmen, sondern kann den Betrag auch morgen noch überweisen. Wer unterscheidet, hat mehr vom Leben. Die Kunst der Prioritätensetzung ist gefragt: Was muss sofort erledigt werden? Und was kann getrost auf später verschoben werden?

Es gibt Situationen im Leben, die keinen Aufschub vertragen. Günstige Gelegenheiten muss man beim Schopf ergreifen. Wer da sagt: „Augenblick mal“, verpasst womöglich den entscheidenden Moment – es sei denn er lässt alles andere sein, um sich auf den einen entscheidenden Augenblick zu konzentrieren.

In der Fülle der Anforderungen den Blick für das Wesentliche nicht zu verlieren und das persönlich Wichtige herauszufiltern, verlangt unsere ungeteilte Aufmerksamkeit und Geistesgegenwart. Da geht es allerdings nicht nur um Entschleunigung. Langsamkeit ist kein Selbstzweck. Es geht um eine andere Weise, mit der Welt in Verbindung zu treten. Nicht nur verfügend und kontrollierend, sondern aufmerksam wahrnehmend mit der Bereitschaft, sich von Menschen und Dingen berühren zu lassen. Solche Begegnungen können in uns etwas zum Schwingen bringen. Sie können uns ergreifen. Darauf muss man sich bewusst einlassen. Das geschieht jedoch nicht, wenn wir im Alltag schnell und effizient Dinge handhaben müssen. Zeitdruck und Stress mindern die Resonanzfähigkeit und Empathiebereitschaft, die für eine wirkliche Offenheit nötig sind.

Christen nutzen die sieben Wochen vor Ostern traditionell für eine Stärkung und Vertiefung ihres Glaubens. Sie wollen sich von Gott neu berühren lassen. Über eine Begegnung mit Gott verfügt niemand, aber man kann innerlich bereit sein dafür und sich für Gott offen halten. Etwa indem man betet, in der Bibel liest und am Gottesdienst teilnimmt und wartet, was geschieht. Da passiert in der Regel nicht sofort etwas Außergewöhnliches. Man muss sich dafür schon bewusst Zeit nehmen und Zeit lassen. Dann macht man die Erfahrung, dass viele Dinge im Leben ihren richtigen Platz finden, weil man selbst bei Gott seinen richtigen Platz gefunden hat. Und dann ist es auch einfacher, die richtigen zeitlichen Prioritäten zu setzen.

Pfarrer Jürgen Seidl

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