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"Platz der vergessenen Kinder"

Ein Dreidel als Mahnmal

Foto: privat

An der Ecke Gartenstraße / Hans-Thoma-Straße befindet sich seit dem 26. April ein Mahnmal, das an die Kinder des jüdischen Kinderhauses, direkt gegenüber, erinnert.

Thomas Schramm/ ekhn

Die Skulptur, die einen Dreidel darstellt, stammt von der schwedischen Künstlerin Filippa Pettersson.

Vor 75 Jahren schickten die Nazis die kleinen Bewohner eines jüdischen Kinderhauses in den Tod, deren Betreuerinnen gleich mit. Ans Licht brachte dieses Verbrechen ein Pfarrer. In Frankfurt-Sachsenhausen gibt es nun ein Mahnmal und einen Platz für die vergessenen Kinder.

 Von Doris Stickler, Evangelische Sonntags-Zeitung  

Die Reise ins Verderben traten die Kinder völlig arglos an. Um sie zu beruhigen, erzählten ihre Erzieherinnen ihnen von einer Ausflugsfahrt. So zogen 43 Mädchen und Jungen mit Köfferchen in der Hand durch Sachsenhausen. Von der Hans-Thoma-Straße ging es Richtung Großmarkthalle, wo bereits der Zug auf sie wartete. Es war der 15. September 1942, die Gestapo hatte das letzte der drei jüdischen Kinderhäuser in Frankfurt geräumt. Die Kinder und sieben Betreuerinnen wurden erst nach Theresienstadt, später nach Auschwitz oder andere Vernichtungslager deportiert. Nur vier von ihnen überlebten.

Aus dem Vergessen geholt

Wie viele andere Gräueltaten des NS-Regimes blieb auch dieser Vorgang lange verborgen – ganze 70 Jahre. Ans Licht hat ihn erst Volker Mahnkopp gebracht, Pfarrer der Sachsenhäuser Maria-Magdalena-Gemeinde. Bei seinen Recherchen über das Verhalten der Gemeinde im Nationalsozialismus stieß er auf die Existenz des einst gegenüber der Lukaskirche gelegenen Kinderhauses.

Suche nach einer angemessenen Form des Gedenkens

Für die bereits im Juli 1942 nach Auschwitz verfrachtete Oberin Frida Amram, ihre bis zum Schluss im Kinderhaus arbeitenden und von den Nazis ebenfalls ermordeten Schwestern Julie Amram und Goldina Hirschberg sowie deren Gatten Seligmann Hirschberg wurden 2013 in der Hans-Thoma-Straße Stolpersteine verlegt. „Da stand schon fest, dass auch an die Kinder und die anderen Betreuerinnen erinnert werden soll. Wir wollten aber eine andere Form des Gedenkens finden“, erklärt Natascha Schröder-Cordes, die mit Volker Mahnkopp und der im Ruhestand befindlichen ZDF-Redakteurin Bärbel Lutz-Saal die Idee für den "Platz der vergessenen Kinder" entwickelte.

Städel-Absolventin gestaltete Bronzeskulptur

Die Leiterin des Familienzentrums in Frankfurt-Höchst war damals noch Gemeindepädagogin der Sachsenhäuser Dreikönigsgemeinde, in der sie 2011 eine Gruppe ins Leben rief, die für Protestanten jüdischer Herkunft, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, inzwischen 26 Stolpersteine verlegte. Für den Plan, den Platz gegenüber des 2002 abgerissenen Kinderhausgebäudes neu zu gestalten, sagten der Ortsbeirat und das Kulturamt sofort Unterstützung zu. Lutz-Saal schaffte es dann, für die Realisierung rund 30 000 Euro zu akquirieren. Dank der Spenden – das Geld steuerten größtenteils Stiftungen bei, unter anderem die der hessen-nassauischen Kirche – zieht auf der vormals gesichtslosen Ecke statt einer Litfaßsäule nun eine Bronzeskulptur der Städel-Absolventin Filippa Pettersson die Aufmerksamkeit der Passanten auf sich.

Ein Spielzeug erinnert an das brutale Ende

Ihrer Arbeit legte die Künstlerin ein traditionelles Spielzeug jüdischer Kinder zugrunde – einen Dreidl. Der mit vier Seiten und hebräischen Buchstaben versehene Kreisel wird vor allem während des Lichterfests Chanukka gedreht. Neben der Skulptur ist eine Tafel installiert, die über die Geschichte des Kinderhauses informiert. Man erfährt etwa, dass es 1911 von Bertha Pappenheim und Henriette Fürth gegründet wurde, um „israelitischen Waisenkindern, unehelichen Kindern und solchen, die wegen misslicher Wohnungsverhältnisse nicht im Elternhaus bleiben oder die keine Menschen hatten, die sich ihrer annehmen konnten“, eine Heimstatt zu geben. »Es war unser Ziel, ins Bewusstsein zu holen, dass es das Haus gab und welch brutales Ende es nahm«, fasst Schröder-Cordes das Anliegen der Initiative zusammen.

Zu ihrer Freude waren die benachbarte Schiller- und Carl-Schurz-Schule in das fünf Jahre lang verfolgte Projekt fast von Anfang an eingebunden. Zum einen hätten Schülerinnen und Schüler der Schillerschule Geld für die Stolpersteine für Oberin Frida Amram und ihre Verwandten gesammelt sowie bei der Verlegung die Gedenkveranstaltung bestritten. Zum anderen habe sie in beiden Gymnasien wiederholt über das Kinderhaus und die Situation der zwischen drei- und 14 Jahre alten Bewohner aufgeklärt.

Das unsägliche Leid darf nicht vergessen werden

Die Pädagogin macht den Jugendlichen zum Beispiel klar, dass unter der Naziherrschaft jüdischen Kindern Selbstverständlichkeiten wie der Besuch von deutschen Schulen, Spielplätzen oder Sportveranstaltungen verboten waren, dass manche Eltern durch Enteignung und Entlassungen nicht mehr in der Lage waren, ihre Töchter und Söhne zu ernähren und sie deshalb ins Kinderhaus bringen mussten. 

Lebensgeschichte eines deportierten Kindes

In den Klassen erzählte sie zudem die Geschichte einer Bewohnerin. Als die Familie Thalheimer 1939 in die USA emigrierte, wurde dem jüngsten ihrer vier Kinder wegen einer Sprachbehinderung die Einreise verwehrt. Hilde Betty kam deshalb ins Kinderhaus nach Sachsenhausen und wurde später nach Auschwitz deportiert. Ihren elften Geburtstag sollte sie nicht mehr erleben.

Mit dem Schicksal von Hilde Betty hat sich Schröder-Cordes eingehend befasst. Es nimmt sie selbst immer wieder mit, zumal sie sich als Mutter zweier Kinder in die verzweifelte Lage der Eltern versetzen kann. „Es muss sie unglaubliche Kämpfe und Überwindung gekostet haben, ihre fünfjährige Tochter in Deutschland zurückzulassen“, sagt sie. 

Sensibel werden für Diskriminierung heute

Die Schülerinnen und Schüler reagierten entsprechend betroffen. Einmal habe sie ein Schüler mit dunkler Haut gefragt, ob unter den deportierten Kindern auch farbige gewesen sind. „Man hat gemerkt, dass er Diskriminierung aus eigener Erfahrung kennt.“ Umso mehr liegt es der Familienzentrumsleiterin am Herzen, die Konsequenzen von Rassismus und Antisemitismus vor Augen zu führen – auch mit Blick auf die Entwicklungen der Gegenwart.

Pfarrer Volker Mahnkopp hat über das Kinderhaus in Frankfurt-Sachsenhausen eine eingehende Dokumentation erstellt, die er ständig aktualisiert. Einzusehen ist die Dokumentation unter www.platz-der-vergessenen-kinder.de.

Lesen Sie mehr über Das Gedenkprojekt der NS-Opfer der Dreikönigsgemeinde

 

 

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