Dreikönigsgemeinde

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Eine echte Auferstehung, ein Frühlingserwachen, eine Befreiung aus der Löwengrube

Frühlingserwachen

Foto: privat

Welche Phantasien hatten Sie in den Zeiten des Kontaktverbotes? An dem vergangenen Osterfest, das uns keinen gemeinsamen Gottesdienst gestattet hat, zu dem wir Bekannte und Freunde nur über Telefon, Zoom oder Skype, über den Treppenabsatz oder von dem Gartentor aus begrüßen und sprechen konnten?

Foto: privat

Das sonnige Wetter hat es uns vergleichsweise leicht gemacht. Unsere Herzen waren bereit zum erwachenden Leben nach den düsteren Wintermonaten. Manche von uns hat es hinausgetrieben in die Sonne, in den Stadtwald, an den See, auf dem einige wenige Enten ihre Runden zogen. Am liebsten mit dem Fahrrad. Die beste Chance, mit einem anderen Menschen unmittelbar ins Gespräch zu kommen: bei der Rast auf einer von zwei Bänken, bei der Begegnung mit anderen, die mit ihren Kindern unterwegs waren oder ihre Hunde ausführten. Für ein paar Worte reichte es immer.

Manchen war das nicht vergönnt. Als Angehörige der besonders gefährdeten Altersgruppe zwangen sie sich, zu Hause zu bleiben, oder durften ihren Heimplatz nicht verlassen. Für diese stellte sich dann die Frage: Ziehe ich mich wirklich morgens an und gestalte meinen Tag, oder lasse ich die Dinge laufen, hänge durch und gieße mir am Abend womöglich noch ein Gläschen Wein ein, obgleich ich danach schlechter schlafe und mich morgens etwas verquollen im Gesicht fühle. Viele von uns hatten in dieser Zeit mehr Gelegenheit, in sich zu gehen, sich mit sich selbst zu befassen, zu reflektieren, was ihnen im Leben wichtig ist, wie viel innere Freiheit sie tatsächlich bereits für sich errungen haben, wie viel Würde sie auch dann leben, wenn keine Außenkontrolle da ist, und was ihnen wirklich ein Gefühl des Wohlseins vermittelt. Viele konnten sich in Bücher vertiefen, für die sie sonst keine Zeit haben.

Ich für meinen Teil hatte überraschend mehr Zeit, mich meinen Skulpturen zu widmen, so wie derjenigen, die ich vor Ostern noch abschließen konnte. Während ihrer Entstehung erlebte ich nach, wie wir alle aus der Erde bzw. der Gebärmutter kommen, uns dann Stufe für Stufe zum Licht des Himmels hinaufarbeiten und, auf der Plattform angelangt, dann plötzlich des Sarges gewahr werden, der uns in die Erde zurückführen wird.

Als ich begann, war mir noch nicht klar, was der Stein, ein brauner Steatit bzw. Speckstein, und ich miteinander aushandeln würden. Ich hatte mir Bilder von Kindern angesehen. Heißt es doch, werdet wie die Kinder, denn ihnen gehört das Himmelreich (Matth. 18,3). Ich wollte eine Form entstehen lassen, aus der der Weg menschlichen Lebens erkennbar werden würde. Der Sarg auf der Plattform gibt noch die Bank ab, auf der wir sitzend darüber nachdenken können, was unser Leben bis hierhin ausgemacht hat.

Mit der Aufhebung des Kontaktverbotes erleben wir eine Art von Auferstehung. Sie gestattet uns endlich diejenigen Bewegungsfreiheiten und Freiheiten der Kommunikation wieder zu erleben, die wir vor dem Kontaktverbot unreflektiert für selbstverständlich genommen hatten. Endlich können wir nach und nach alle wieder aus unseren Wohnungen in das freie Licht ziehen. Es kann unser Exodus in eine Freiheit werden, die wir bewusst als eine solche schätzen, eine Freiheit, in der wir uns umeinander sorgen, in der wir zugleich aber auch den Respekt vor einer notwendigen Schutzzone unserer Mitmenschen hoch bewerten. Gott hat unseren Weg begleitet. Er hat uns gerettet und befreit. So wie er es einst mit Daniel in der Löwengrube getan hat.

Dr. Helga Müller

Über die Autorin: Dr. Helga Müller ist Prädikantin; am 7. Juni wird sie den Gottesdienst in der Dreikönigskirche halten.

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