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Advent ist Herzklopfen

Gottesdienst zum 2. Advent aus der Bergkirche

Liturgie und Predigt: Pfarrer Thomas Sinning

Predigttext: Hoheslied 2, 8-13

"1 Ich bin eine Blume in Scharon, eine Rose[1] im Tal. 2 Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen. 3 Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß. 4 Er führt mich in den Weinkeller, und die Liebe ist sein Zeichen über mir. 5 Erquickt mich mit Traubenkuchen, labt mich mit Äpfeln; denn ich bin krank vor Liebe. 6 Seine Linke liegt unter meinem Haupte, und seine Rechte herzt mich. 7 Ich beschwöre euch, ihr Töchter Jerusalems, bei den Gazellen oder bei den Hinden auf dem Felde, dass ihr die Liebe nicht aufweckt noch stört, bis es ihr selbst gefällt. 8 Da ist die Stimme meines Freundes! Siehe, er kommt und hüpft über die Berge und springt über die Hügel. 9 Mein Freund gleicht einer Gazelle oder einem jungen Hirsch. Siehe, er steht hinter unsrer Wand und sieht durchs Fenster und blickt durchs Gitter. 10 Mein Freund antwortet und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her! 11 Denn siehe, der Winter ist vergangen, der Regen ist vorbei und dahin. 12 Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. 13 Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her!"

Predigt zum 2. Advent am 04.12.2022 aus der Bergkirche

Liebe Gemeinde,

was ist das für eine berührende Szene! Zwei junge Liebende, mit Schmetterlingen im Bauch und Herzklopfen. Sie wollen zueinander kommen. Sie hört seine Stimme und sieht ihn kommen. Gleich steht er unter dem Fenster hinter der Wand und schaut hinein, um seine Freundin zu sehen. Hinein kann er nicht. Das gebietet die Sitte der damaligen Zeit. Aber er hört ihre Stimme und antwortet:

„Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!“ 

Die Zeit ist da. Gleich werden sie sich begegnen, berühren, küssen. Frühlings Erwachen. Blüten blühen auf, genau wie die Herzen der Verliebten. Die ganze Natur wacht auf. Wie können sie da ihre Gefühle im Zaum halten!

Vielleicht haben Sie sich gewundert, heute, am zweiten Advent, nichts von den erschütternden Ereignissen zu hören, die für die letzte Zeit der Menschheit prophezeit werden, wie es sonst am zweiten Adventssonntag üblich ist, und wie wir es in der heutigen kriegsbewegten Zeit vielleicht sogar als angemessener ansehen würden, sondern Liebeslyrik.

Welche ein Kontrast! Erotik in der Bibel. Das ganze Hohelied, das Salomo zugeschrieben wurde, ist eine Sammlung von Liebesgedichten. Wie kann das sein?

Diese Frage hatte sich von Anfang an gestellt, als der Kanon der Bibel zusammengestellt wurde. Doch indem man diese Gedichte König Salomo, dem Protagonisten der Weisheit, zuschrieb, und indem man diese Gedichte allegorisch deutete als eine Schilderung der Liebe Gottes zu seinem Volk Israel, rechtfertigte man ihre Aufnahme in den Kanon.

In der christlichen Auslegung erkannte man in den Gedichten des Hoheliedes die Beziehung Christi zu seiner Kirche; auch mariologische Auslegungen gab es. Und doch wurden diese Gedichte in der Kirche immer wieder auch als das gesehen, was sie sind: profane Liebeslyrik. Seit dem 5. Jahrhundert (Theodor von Mopsuestia 352-428) gab es bereits diese Stimmen. Auch Johann Gottfried Herder (1744-1803) hat das Hohelied in diesem Sinne gelesen: Als eine Sammlung schönster Gedichte von Liebenden.

Diese Gedichte, diese Lieder singen von der Liebe zwischen Menschen, die das größte Geschenk des Himmels ist. Die Liebe ist die stärkste positive Kraft, die einen Menschen berühren kann. Und darum ist sie auch das stärkste Bild für die Liebe Gottes zu den Menschen.

Also doch eine bildhafte, also allegorische Deutung? Ja und nein.

Nein, denn diese altorientalischen Gedichte sind in sich so schön und inspirierend, dass sie einfach gelesen werden sollten als das, was sie sind: der Ausdruck von Gefühlen und Erfahrungen von Menschen, die sich lieben. Man muss sie nicht deuten. Man darf sie genießen, so wie man alles Schöne genießen darf.

Und ja, es ist doch eine allegorische Deutung möglich, eben weil die Liebe ein Geschenk des Himmels ist. Genau deshalb ist das Schönste und Tiefste, das Menschen füreinander empfinden können, gerade nicht gottlos, sondern ein ganz besonderes Geschenk des Schöpfers. Mystik und Erotik haben eine tiefe Beziehung. In dem Lied von Gerhard Tersteegen (EG 165,5) „Gott ist gegenwärtig“ heißt es „Ich in dir, du in mir.“ Intimer kann eine Beziehung nicht sein.

Insofern steckt ein Sinn darin, dass es in unserer Sprache nur ein Wort für Liebe gibt: die menschliche Liebe und die göttliche Liebe. Beides ist „Liebe“. „Gott ist Liebe“, heißt es schlicht und klar im 1. Johannesbrief. Wenn es diese besondere Beziehung zwischen der Liebe von Menschen und der Liebe Gottes gibt, dann können auch diese Gedichte uns etwas über unsre Beziehung zu Gott im Advent sagen.

Doch es gilt dabei zu bedenken: die Analogie zwischen göttlicher und menschlicher Liebe hat auch ihre Grenzen. Es ist immer Gottes Liebe, die der menschlichen vorausgeht. Dass Gott den Menschen als Frau und Mann geschaffen hat, ist der allererste Akt seiner Liebe. Menschliche Liebe entsteht an ihrem Gegenüber, göttliche Liebe erschafft ihr Gegenüber. Das ist ein fundamentaler Unterschied. Darum ist und bleibt Gott immer der größere in der Beziehung zum Menschen.

Wo ist also eine Entsprechung unserer Glaubensbeziehung zu der der Liebenden in diesem Gedicht zu finden? Das Mädchen wartet auf seinen Freund. Mit Herzklopfen erwartet sie seine Ankunft und freut sich darauf, wenn sie seine Stimme hört, wenn er sie ruft:

„Steh auf, meine Schöne, und komm her!“

Gewartet haben die Menschen lange. Auf den Messias, den Retter aus aller Not. Auf den, der die Menschen frei macht. Sie haben gewartet auf den, der die Geschichten von Rettung und Befreiung, die von Noah, von Abraham, von Mose, von Miriam und von Esther erzählen, der diese Geschichte nicht nur fortschreibt, sondern zu einem endgültigen Ziel führt.

Und dann ist einer gekommen, der Gottes Nähe, der Heilung und Hoffnung bringt und Vergebung, einer, der Liebe beweist, indem er für andere sein Leben einsetzt, einer, durch dessen Sterben die Macht des Todes besiegt ist, der neues Leben eröffnet und die Menschen in eine nie gekannte neue Freiheit ruft, in die Freiheit von der Macht der Sünde und des Todes: Jesus.

Er ist gekommen, und er wird kommen. Beides wird uns gesagt im Advent.

Advent ist die Zeit der Erwartung. Advent ist Herzklopfen. Tun wir das? Gibt es eine freudige Erregung, Herzklopfen, Vorfreude in mir? Ja, ich darf mich fühlen wie das Mädchen, das die Stimme des Geliebten hört. Diese besondere, einzigartige Freude in hoffnungsvoller Erwartung kann eine Erfahrung sein, die ich im Gebet auch mache, wenn ich intensiv und sehsüchtig darauf warte, dass Gott sich mir als Liebender erweist, der meine Stimme hört und sich von mir bewegen lässt.

Sie hört seine Stimme. Und wir? Wir hören auch seine Stimme. Die Stimme dessen, den wir erwarten, dass er kommt und alles gut wird.

Ein Pastor in Palästina antwortete mir auf meine Frage, was ihm denn Hoffnung gebe in der ausweglos scheinenden Situation des Nahostkonfliktes: „Die biblischen Verheißungen. Die geben mir Hoffnung“. Die Worte der Propheten und die Worte Jesu. Die gelten im Nahen Osten, die gelten in der Ukraine, die gelten im Iran, die gelten auf den kalten Straßen und in den Notunterkünften und den überfüllten Notaufnahmen und in den einsamen Zimmern und überall, wo es dunkel ist.

Im Evangelium haben wir gehört, wie Jesus sagt:

„Steht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Mehr Hoffnung geht nicht. Aber diese Hoffnung will gelebt werden:

„Steht auf und erhebt eure Häupter!“

Zieht euch nicht zurück. Lasst euch nicht einschüchtern. Nur wer den Kopf hoch trägt, behält den Überblick und vermag über den engen Horizont der Gegenwart hinauszuschauen, hinter dem Gott längst im Kommen ist.

Und noch etwas. Der junge Mann, der zu seiner Geliebten kommt, ruft ganz ähnlich wie in Jesu Wort – es ist nur viel schöner, wie er es sagt-:

„Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, und komm her!“

Wenn Gott mich anspricht, dann nennt er mich schön. Ja, das bin ich, in jeder Beziehung. Ich bin es, weil ich ein geliebter Mensch bin. Geliebt von Gott. Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters. In Gottes Augen. Das zählt mehr als alles sonst.

Warum also sollte ich sitzenbleiben wie ein Mauerblümchen? Steh auf und komm! Denn es ist Advent. Er kommt. Ich darf ihn erwarten. Jederzeit.

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