Für die Geschwister unserer früheren Pfarrfrau, die nach Lodz bzw. Theresienstadt deportiert wurden und dort ihr Leben verloren, werden wir nun am 30. Oktober Stolpersteine vor ihren damaligen Wohnhäusern im Westend verlegen.
Für den Gedenkgottesdienst am 29. Januar 2023 hatte ich einen fiktiven Brief an Bertha Urspruch formuliert. Bevor wir ihrer ermordeten Geschwister gedenken, kann uns dieser Brief mit dem Schicksal ihrer Familie verbinden:
„Liebe Bertha!
Wir möchten in der Dreikönigsgemeinde, in der Dein Mann von 1925-1933 sehr segensreich wirkte, nicht vergessen, in was für schwierigen Zeiten Ihr als Pfarrerehepaar gelebt habt. Um für unsere Gegenwart und Zukunft zu lernen, möchten wir uns hineindenken in das, was Ihr erleben und erleiden musstet, bevor Ihr nach knapp 8 Jahren die Dreikönigsgemeinde verlassen habt.
Als Ihr – lange vor Eurer Sachsenhäuser Zeit – am 3. November 1908 geheiratet habt, war Dein Mann schon 9 Jahre lang Pfarrer in der St. Paulsgemeinde im Herzen Frankfurts, ein ausgesprochen beliebter Prediger. Er wird Dir, so hoffe ich, nicht verschwiegen haben, dass ihm, seit er 1899 diese herausgehobene Stelle antrat, die Herzen nicht weniger junger Frauen zugeflogen waren, bevor der attraktive Junggeselle sich für Dich entschied.
So, wie ich die damalige Zeit einschätze, könnte ich mir vorstellen, dass einige, die sich damals vielleicht Hoffnungen gemacht hatten, und sicher auch manche anderen Leute, gedacht oder hinter vorgehaltener Hand getuschelt oder auch laut ausgesprochen haben: ‚Warum musste er sich nun ausgerechnet für eine Jüdin entscheiden?‘ Musstest Du selbst solche verletzenden Fragen hören?
Eine Besonderheit war das ja in der Tat: Dass ein evangelischer Pfarrer eine getaufte Jüdin heiratete. Wir nehmen an, dass Deine Taufe in der Vorbereitung auf Eure Eheschließung geschah. Gern wüsste ich auch, ob Dein zukünftiger Mann selbst Dich getauft hat. Er hatte ja engen Kontakt zu jüdisch-christlichen Familien, und war der Frankfurter Pfarrer, der die meisten Taufen in diesen Familien vornahm.
Aber aus Deiner Familie warst Du offenbar die Einzige, die sich taufen ließ. Zu gern wüsste ich, wie Deine Familie zu Deiner Entscheidung stand. Hatte die jüdische Religion in Deiner liberalen Familie keine Rolle mehr gespielt?
War es für Deine Eltern und Deine Geschwister schwer, dass Du das Judentum verlassen hast oder hatten sie selbst sich schon mehr oder weniger vom jüdischen Glauben entfernt? Haben Sie Deine Taufe und dann Deine Hochzeit mitgefeiert? Oder geschah beides eher im kleinen Rahmen? Ohne viel Aufhebens?
O, entschuldige, liebe Bertha, wenn ich Dir mit so vielen Fragen auf die Nerven gehe! Das bist Du sicher gar nicht gewohnt, und vielleicht ist es Dir auch richtig unangenehm. Denn ich stelle mir vor, dass in den Zeiten, in denen Du Pfarrfrau wurdest, über das, was ein solcher Wechsel der Religion bedeutet – theologisch und für Dich persönlich – eher geschwiegen wurde.
Dass ich Dich so mit Fragen löchere, ist wohl auch nur mit dem Abstand von über 100 Jahren zu Deiner Taufe und Deiner Heirat vorstellbar. Denn inzwischen steht die Kirche in einem recht intensiven, offenen Dialog mit dem Judentum. Die Kirche hat nach all den furchtbaren Verfehlungen erkannt, dass das Judentum die Wurzel des Christentums ist und dass der jüdisch-christliche Dialog uns Christen für das Verständnis der Bibel (den größten Teil davon haben ja Juden und Christen als gemeinsame Heilige Schrift) unverzichtbar ist, und auch für das Verständnis Jesu, der von seiner Geburt bis zu seiner Kreuzigung vor den Toren Jerusalems als frommer Jude gelebt hat.
Waren solche Fragen jemals Thema zwischen Dir und Deinem Mann?
Um Dir noch eine kleine Pause von meinen Fragen zu gönnen, will ich Dir von einem Studienkollegen erzählen, der in den 80er Jahren mit mir zu einem Studienjahr in Jerusalem war und dort eine israelische, also jüdische Frau kennen und lieben lernte.
Zu Deiner Zeit, liebe Bertha, war für Dich als Frau aus einer jüdischen Familie die Taufe ja sozusagen das ‚Entréebillett‘, um überhaupt Pfarrfrau werden zu können.
Ich nehme an, dass Du dieses Zitat Heinrich Heines kanntest: “Der Taufzettel ist das Entréebillett zur europäischen Kultur.“ Vielleicht mochtest Du da aber lieber keine Verbindung zu Deiner Taufe sehen. Denn Heine legt in diesen Satz ja – ganz sarkastisch – seine Unzufriedenheit, dass solch ein „Zettel“, wie er es nannte, überhaupt nötig war, um nicht immer nur außen vor zu bleiben.
Und er musste dann die Enttäuschung erleben, dass dieses ‚Entréebillett‘ ihn nicht wirklich eintreten ließ. Die gleiche Enttäuschung, die Du dann ja auch erfahren musstest, als der Arierparagraph bewirkte, dass die Taufe in diesem Zusammenhang gar nichts wert war.
Die Frau meines Studienkollegen hat sich vor ihrer Hochzeit vor gut 30 Jahren nicht taufen lassen und versteht sich bis heute als Jüdin. In der Kirchengemeinde, in der die beiden als Pfarrerehepaar lebten, gab es dann prompt Probleme, weil sie sich nicht dazu entschließen konnten, ihre Kinder als Babys zu taufen. Das war für die Gemeinde schwierig, dass der Pfarrer, der ihre Kinder taufte, seine eigenen nicht taufte. Eine Zeitung titelte damals: „Wenn die Pfarrfrau aus dem Volk Jesu stammt“. Diese Überschrift fiel mir bei Eurer Pfarrerehe, liebe Bertha, wieder ein. Denn diese journalistische Schlagzeile formuliert kurzgefasst viel tiefgründiger, als Theologen es ausführen könnten, dass das, was manche vielleicht als Anstoß empfinden, im Grunde ein besonderes Geschenk ist, ja als ein Glücksfall angesehen werden müsste.
Bei meinem Studienkollegen und seiner Frau hat die Gemeinde dazugelernt, und die dialogische Pfarrfamilie konnte jahrzehntelang segensreich wirken.
Dass man zu Eurer Zeit, liebe Bertha, noch weit von solcher Einsicht entfernt war, ist traurig genug.
Allzu gern würde ich von Dir erfahren, wie die Mitglieder der Dreikönigsgemeinde Dich aufgenommen und sich Dir gegenüber verhalten haben. Ich hoffe so sehr, dass Du in der Dreikönigsgemeinde keine direkten Anfeindungen anhören und aushalten musstest.
Immerhin hatte Dein Mann seit 1931 einen feinfühligen Kollegen, Martin Schmidt, der an Eurer Seite stand und der zu Eurer Verabschiedung bedauerte, „dass sich über das letzte Stück Weges besondere Wolken getürmt haben, die das Herz des Mannes und seiner treuen, selbstlosen Lebensgefährtin beschwert haben.“
An dem Adjektiv „selbstlos“ bin ich hängengeblieben: Könnte „selbstlos“ auch andeuten, dass Du viel, zu viel von Dir selbst aufgegeben, hinter Dir gelassen hast?
Auch der Frankfurter Propst, Johannes Kübel, wollte Deinen Mann gern auf der Pfarrstelle behalten. Er schrieb zum Abschied: ʻInfolge seiner Krankheit besaß Urspruch nicht mehr die Spannkraft, um die Anstürme, die wegen der Rasse seiner Frau in der letzten Zeit über ihn gekommen sind und die vielleicht noch kommen werden, positiv zu verarbeitenʼ. Da frage ich mich: wie soll man denn Rassismus positiv verarbeiten? Das kann doch keine Frage der persönlichen Spannkraft sein!
Der von Hitler ausgerufene Judenboykott am 1. April 1933 – das war ja gerade Dein 59. Geburtstag – brachte Dir vermutlich erschreckende Nachrichten von Deinen Geschwistern aus deren Frankfurter Geschäft und Kanzlei; und es wundert mich nicht, dass das Ruhestandsgesuch Deines Mannes dann bald darauf auf den 29. April 1933 datiert.
Dein Mann und Du, Ihr wolltet nicht abwarten, bis im Herbst, wenige Monate nach Eurem Abschied aus der Dreikönigsgemeinde der Arierparagraph auch auf die Pfarrer offiziell ausgedehnt wurde und Dein Mann aus seinem Amt getrieben worden wäre – Deinetwegen sozusagen. Ihr wolltet dem zuvorkommen, dass die Kirche die an Dir vollzogene Taufe für nichtig und wertlos erklärt. Was für eine Bankrotterklärung der Kirche!
Ich stelle mir vor, dass der Vor-Ruhestand für Euch keine Zeit der Ruhe und Beruhigung war, sondern von Unruhe und Sorge durchzogen war.
Dein früher Tod im Jahr 1935 hat Dich davor bewahrt, hilflos mitanzusehen, wie Deine Geschwister und ihre Familien nach Theresienstadt deportiert und dort ermordet wurden, und ich will mir gar nicht ausmalen, ob dieses Schicksal früher oder später auch Dich ereilt hätte.
Über den Abstand der Zeit hinweg möchte ich Dir, liebe Bertha, jedenfalls sagen:
Mir bedeutet es viel, dass es in meiner Gemeinde einmal eine Pfarrfrau gab, die aus dem Volk Jesu stammte.“
Sie sind herzlich eingeladen, an der Stolpersteinverlegung im Westend teilzunehmen:
Freitag, 30.10.2026
11.20 Uhr: Adele Knobloch, geb. Grünebaum, Telemannstraße 12
11.55 Uhr: Julius und Clara Grünebaum, Friedrichstraße 36