Seit siebzig Jahren der Klang von Sachsenhausen

veröffentlicht 25.05.2026, Dreikönigsgemeinde Frankfurt am Main

Vielleicht hallt es Ihnen noch in den Ohren: Am Pfingstsamstag war es wieder so weit. 50 Glocken aus zehn Frankfurter Innenstadtkirchen vereinten sich zum „Großen Stadtgeläute“. Mittendrin und unüberhörbar: unsere Dreikönigskirche. Dieses halbstündige Konzert ist ein weltweit einmaliges Erlebnis – und für uns in diesem Sommer 2026 ein ganz besonderes Jubiläum: Unsere Glocken feiern ihren 70. Geburtstag.

1956: Eine schwere Geburt am Neckar

Die Geschichte unserer heutigen fünf Stimmen beginnt im Frühjahr 1956. Nach den verheerenden Verlusten der Weltkriege war unser Turm jahrelang verstummt. Doch dann geschah das Wunder: Die Stadt Frankfurt schenkte unserer Gemeinde – als einer der traditionsreichen Dotationskirchen – ein komplett neues Geläut.

Pfarrer Paulus North beschrieb in seinen Aufzeichnungen die „Geburt“ in der Glockengießerei Bachert: Am 28. April 1956 sah eine Abordnung der Gemeinde in Kochendorf zu, wie unter Gebet das rotflüssige Metall in die Formen floss. Zwanzig Minuten lang leuchteten von blau zu grün und gelb wechselnde Dämpfe über der „Glockenspeise“, bis das Werk vollbracht war.

Ein Triumphzug für Sachsenhausen

Nur wenige Tage später, am 4. Mai 1956, wurden die Glocken am Südeingang mit Posaunenschall und festlichem Lobgesang empfangen. Ihren ersten großen Dienst traten sie an Himmelfahrt, dem 10. Mai 1956, an. Nach einem Orgelkonzert des legendären Helmut Walcha wurden die fünf Schwestern im Festgottesdienst von Dekan Martin Schmidt einzeln aufgerufen:

1. die Erlöserglocke:

Inschrift: „Tröstet, tröstet mein Volk!“ (Jesaja 40,1) / „Lasset euch versöhnen mit Gott!“ (2. Korinther 5,20),

2. die Evangelistenglocke

„Des Herrn Wort bleibet ewiglich.“ (1. Petrus 1,25) / „Gottes Wort ist nicht gebunden.“ (2. Timotheus 2,9),

3. die Dreikönigsglocke

„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“ (Matthäus 2,2),

4. die Lutherglocke

„Der Herr ist unsere Zuversicht und Stärke.“ (Psalm 46,2) / „Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein?“ (Römer 8,31) und

5. die Mahnglocke

„Siehe, ich komme bald.“ (Offenbarung 22,7) / „Wer aber bis ans Ende beharrt, der wird selig.“ (Matthäus 24,13).

Jede läutete zunächst für sich allein, bis die Gemeinde ergriffen dem ersten gemeinsamen, vollen Geläute lauschte.

Der Herzschlag unseres Viertels

Zwischen 8 und 20 Uhr strukturieren die Glocken heute unseren Alltag: Jede Viertelstunde markieren sie das Vergehen der Zeit. Zur vollen Stunde wird das besonders hörbar – um 15 Uhr beispielsweise durch vier hohe Schläge für die Viertelstunden, gefolgt von drei tiefen Schlägen für die Stundenzahl.

Auch auf dem Weg zum Gottesdienst begleiten sie uns: 30 Minuten vor Beginn erfolgt der erste Ruf, bevor sie ihn zehn Minuten vor Beginn für zehn Minuten festlich einläuten. Selbst während des Vaterunsers klingen sie hinaus zum Mainufer – als hörbare Verbindung zwischen der betenden Gemeinde und dem Viertel.

Ob im großen Ensemble mit den anderen Stadtkirchen oder im täglichen Takt für Sachsenhausen: Unsere Glocken sind ein Geschenk der Beständigkeit. Wenn Sie in diesen Sommerwochen am Main spazieren gehen, halten Sie kurz inne, wenn das Geläut einsetzt. 70 Jahre klangvoller Dienst für Gott und die Menschen – unsere Glocken erzählen davon, dass wir unter einem offenen Himmel leben.