Zum 200. Geburtstag der am 7. März 1826 in Riga geboren Textdichterin Julie Hausmann war diese Briefmarke herausgegeben worden. Mein Erstaunen und meine Freude darüber, dass sie und ihr Lied mit einer Briefmarke – noch dazu der gängigen 95er – in Erinnerung gerufen werden, möchte ich gern mit Ihnen teilen.
Vielleicht kennen Sie das Lied „So nimm denn meine Hände“ vor allem von Beerdigungen. Und ich muss zugeben, dass sich diese Briefmarke für Geburtstagsgrüße oder andere erfreuliche Ereignisse wohl weniger eignet.
Aber dass auch einmal ein ernstes, mit Trauer und Abschied verbundenes Thema auf einer Briefmarke Platz findet, weiß ich sehr zu schätzen.
Von Julie Hausmann wird erzählt, dass sie ihrem Verlobten, der schon zu einer Missionsstation nach Afrika gereist war, folgte. Nach der langen Reise wurde sie allerdings nicht von dem geliebten jungen Mann erwartet, sondern von der Nachricht seines plötzlichen Todes. Ich kann mir gut vorstellen, wie Julie Hausmann in diesem Entsetzen und dieser Einsamkeit an einem ihr völlig fremden Ort ihre Trauer und ihr Gebet in die Worte dieses Gedichts fließen lies:
So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.
Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt: Wo du wirst gehn und stehen, da nimm mich mit.
Obwohl die Anrede fehlt, wird klar, dass Julie Hausmann sich hier im Gebet an Gott richtet. Wenn von einem Brautpaar das Lied für eine Trauung vorgeschlagen wurde, habe ich versucht, zu erklären, dass es in einer Ehe um ein partnerschaftliches Miteinander geht und nicht darum, dass ein Mann die Hände seiner Frau nimmt und sie führt, weil sie nicht einmal einen Schritt allein gehen mag.
Aber dass ein Mensch in Trauer, Verzweiflung und Einsamkeit sich Gott in dieser Weise anvertraut, kann dagegen ein Weg sein, wieder Vertrauen in das Leben und in die eigenen Schritte zu finden.
2. In dein Erbarmen hülle mein schwaches Herz und mach es gänzlich stille in Freud und Schmerz.
Lass ruhn zu deinen Füßen dein armes Kind: Es will die Augen schließen und glauben blind.
Wegen dieser Strophe war Julie Hausmanns Lied im 20. Jahrhundert aus dem Evangelischen Gesangbuch verbannt worden, bzw. nur ohne Noten, also ohne Friedrich Silchers bekannte Melodie, im Anhang zu finden. Julie Hausmanns Formulierungen sind wirklich nicht die richtigen Worte, um einen glaubenden Menschen zu beschreiben. Gott will uns gerade nicht schwach, still, arm und blind. Zu seinem Ebenbild hat er uns geschaffen, damit wir aufrecht, frei und mutig unser Leben gestalten. Gott will von uns keinen blinden Glauben, sondern einen Glauben, der vor der eigenen Vernunft verantwortet wird und der uns befähigt, mündig die Aufgaben und Herausforderungen in der Welt zu übernehmen.
3. Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht:
So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich!
Julie Hausmanns Lied erinnert uns daran, dass unser Glaube in Lebenskrisen auf die Probe gestellt und ins Dunkel geführt werden kann. Er bewährt sich aber darin, dass er an Gott festhält, auch wenn Gottes Wege uns verborgen und rätselhaft sind.
Denn das ist es doch gerade, was uns Jesus in seinem Leiden und seiner Auferstehung eröffnet hat, dass unser Glaube darauf vertrauen kann, dass Gott in jeder Situation unseres Vertrauens würdig ist.
So gelesen kann das Lied uns auch heute noch gerade in Trauer, Leid, Verzweiflung und Ausweglosigkeit Worte schenken, mit denen wir uns Gott anvertrauen dürfen.
Dass Sie in diesem Gottvertrauen durch den Karfreitag hindurch auf das Osterfest zugehen, wünsche ich Ihnen.