Dreikönigsgemeinde

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„Reisen in das Heilige Land“

So lautete das Thema, dem sich Pfarrer Sinning in seinem Studienurlaub im Sommer 2013 gewidmet hat. Er berichtet:

Ich habe mich mit der Geschichte und Gegenwart von Reisen in das Land der Bibel beschäftigt und konnte Befragungen von Reisenden sowohl aus unserer Gemeinde wie auch aus einer katholischen Gemeinde auswerten.

Ein Höhepunkt meiner Studienzeit war ein erneuter Besuch in Jerusalem und Bethlehem, bei dem ich nicht nur neue Erkenntnisse für mein Thema gewinnen konnte, sondern auch einen lebendigen Einblick in das Leben der evangelischen Schule Talitha Kumi in Beit Jala bei Bethlehem bekommen habe. Eindrucksvoll war die Abiturfeier, bei der erstmals zwölf palästinensische Jugendliche das Zeugnis der Deutschen Internationalen Abiturprüfung (DIAP) erhalten haben. Eine Schülerin, die in einem Flüchtlingslager groß geworden ist, sagte in ihrer Rede, wie dankbar sie sei, dass sie durch das Internat dieses Ziel überhaupt erst erreichen konnte. Andere machten deutlich, wie gut es für sie ist, durch diese Schule mit ihrem besonderen Konzept (Kreativität statt Frontalunterricht, Koedukation, Gewaltfreiheit, Respekt gegenüber Andersgläubigen), das in Palästina keineswegs selbstverständlich ist, geprägt worden zu sein. Mir wurde dabei deutlich, dass gerade in diesem Land Bildung ein entscheidender Schlüssel zum Frieden ist. Daher möchte ich sehr dafür werben, diese Schularbeit zu unterstützen. Wer sich dafür interessiert, findet auf www.ta-lithkumi.org weitere Informationen.

Vielfältige Eindrücke habe ich mit nach Hause genommen. Mit dem Heiligen Land wird man nie fertig. Es gibt immer wieder Neues, und vieles ist anders als es auf den ersten Blick scheint. Hier können Sie meinen Bericht und mein Reisetagebuch lesen; bei Bedarf gebe ich Ihnen auch gerne ein gedrucktes Exemplar.

27. Mai 2013

Der Tag fing kalt an. Am Flughafen musste ich gleich einem EL-AL-Mann Rede und Antwort stehen - aus Sicherheitsgründen natürlich. Als ich sagte, dass ich nach Beit Jala, also in die Palästinensergebiete reisen würde, sagte er: "Moment, da muss mein Vorgesetzter auch noch mal mit Ihnen sprechen. "Also alles zwei Mal erklärt. Dann lief alles ganz glatt. Schöner Flug. Ich bekam noch einen guten Fensterplatz weiter vorne. Erst nur Wolken, dann einzelne Lücken; in den Alpen liegt ja noch unwahrscheinlich viel Schnee! Die ägäischen Inseln sind sehr schön anzuschauen.

Im Flugzeug gab es natürlich u.a. Hummus zu essen, israelisches Nationalgericht und sehr lecker. Am Flughafen holt mich der arabische Taxifahrer Abu Zahir ab und fährt mich nicht über Jerusalem (wegen Stau), sondern an Latrun (in biblischen Zeiten Emmaus) vorbei direkt nach Beit Jala. Wolkenloser Himmel, Wärme, perfektes Wetter.

Das Schulzentrum Talitha Kumi liegt direkt hinter dem Checkpoint auf einer Anhöhe, sehr schön mit Blick in die Umgebung. Bei der Ankunft treffe ich gleich den Direktor Rolf Lindemann, der mich begrüßt aber dann weiter muss. Vier junge Volontäre und ein paar andere Leute sind da, nur noch ganz wenige Schüler; irgendwie wirkt die Schule um die Zeit schon fast wie ausgestorben. Die nette Küchenhilfe bietet mir das Abendessen für sieben Uhr an. Vorher mache ich einen Spaziergang über das Gelände: Kiefernwäldchen, Weinberg, Umweltgarten, Sportplatz (mit Asphalt!), und dann das leer stehende Schulgebäude mit Bildern von erfolgreichen Absolventen der Schule. 

Dann gehe ich zum Abendessen. Ich bin ganz allein (die Gruppe, die noch hier wohnt, isst heute außerhalb). Überall an den Wänden Bilder von deutschen Spitzenpolitikern, die hier mal zu Besuch waren (Weizsäcker, Wullf, Steinmeier etc.).

Das Essen ist köstliche arabische Küche und würde für drei reichen. Es gibt u.a. natürlich Hummus, das arabische Nationalgericht.

Nach dem Essen noch ein Spaziergang Richtung Beit Jala. Es wird hier um acht Uhr schon dunkel. Wunderbare Abendstimmung im Westen, und ich sehe eine besondere Planetenkonstellation über dem roten Horizont, die mich fasziniert und die ich gleich gegoogelt habe: Venus, Merkur und Jupiter bilden ein leuchtendes Dreieck am Abendhorizont. Sehr schön! Während ich gehe, ist der (immer etwas schwermütig klingende) Muezzin von der Moschee des nächsten Dorfes zu hören. Seine Stimme hallt vom gegenüberliegenden Hügel wieder, als würden diese sich unterhalten. Allerdings ist dort der Har Gillo, eine israelische Siedlung, da gibt es bestimmt keinen Muezzin!

Die Straßen in Palästina sind typisch schmutzig, mit Schutt und Müll an vielen Ecken. Zwischen einfachen Häusern aber auch einzelne luxuriöse hinter Zäunen und Gittern. Manchmal auch eine leerstehende Bauruine mit einem einzelnen Plastikstuhl darin. Dann ein großes rotes Schild: im weiteren Verlauf der Straße beginnt die palästinensische Verwaltung und Sicherheitsverantwortung (A-Zone: rein palästinensische Verwaltung. B-Zone: palästinensische Verwaltung, aber israelische Sicherheitsverantwortung, C-Zone: Israelische Siedlungen und Militärgebiet). Für Israelis weitergehen verboten. Lebensgefahr! Verschiedene Läden. Ein Geschäft für Pflanzen, Kanarienvögel und Kitsch. Eine Bar mit Bowlingbahn. Ich sehe ein Kreuz darin hängen; offenbar gehört der Laden einem Christen. Ich sehen sieben junge palästinensische Frauen mit Kopftuch und ein paar Kindern hineingehen. Da es jetzt schon richtig dunkel ist, kehre ich wieder zurück und bin froh mich nach dem langen Tag in meinem Zimmer auszuruhen. 

28. Mai 2013

Heute war ich den Tag in Jerusalem. Die vertrauten Kirchen Erlöser (evang.-luth.) und die Grabeskirche besucht. Dieser Ort ist immer wieder faszinierend und - wenn tagsüber so viel Touristenbetrieb ist - abstoßend zugleich. Am Eingang knien viele Pilger (vor allem Frauen aus romanischen oder südamerikanischen Ländern und Russen) nieder am Salbungsstein, haben Tränen in den Augen und reiben mitgebrachte Gegenstände an diesem "Heiligen" Stein, auf dem angeblich der Leib Jesu gesalbt worden sein soll, was er nach der Bibel aber niemals wurde und der Stein ist vermutlich auch erst aus späterer Zeit und hat niemals den Leib Jesu berührt. Aber die Innigkeit und Emotionalität der Menschen ist beeindruckend. Die leere ausgebrannte Jakobitenkapelle ist mir noch einer der liebsten Orte dort. In dem Abgang zur Helenakapelle entdecke ich unzählige Kreuze, die Pilger in der Kreuzfahrerzeit in die Wände geritzt haben, und fotografiere sie. Man sieht viele verschiedene Menschen in Massen durch die Kirche strömen. Plötzlich sehe ich einen und denke: den kennst du doch! Und richtig, es ist - Jesus! Ein Mann etwa Mitte dreißig, langes schmutzig-weißes Gewand, barfuß, lange Haare und Bart, etwas traurig-gebeugte Haltung... Er drückt sich in eine Nische und geht dann raus zu den Toiletten. Da hat es wohl einen mit dem "Jerusalem-Syndrom" erwischt. Manche Pilger geraten ja in Ekstase und halten sich für einen Propheten, Apostel oder eben Jesus. 

Dann weiter zu der Klagemauer. Wie immer betende Juden, viele religiös gekleidet, dazwischen Touristen. Ich fotografiere einige, auch einen, der mit seinem Handy in der Hand betet. Ich denke: es muss sicher ein koscheres Handy sein, ohne Internet und Fotografiermöglichkeit, nur mit Tora oder Talmud darauf abgespeichert.

Dann zum archäologischen Garten südlich des Tempelberges.  

Altes Straßenpflaster aus der Zeit Jesu, riesige Steinblöcke, die die Römer bei der Zerstörung des Tempels runtergeschmissen haben, eine große Treppe, über die damals schon Leute (auch Jesus und seine Jünger?) zum Tempel gingen, unzählige Mikwen, Reste auch aus der Zeit des ersten Tempels. Interessant, aber anstrengend. Die vielen Schulkinder, die sich das alles in brütender Mittagshitze anschauen müssen, wirken meistens eher gelangweilt und genervt. An dem hier gelegenen Teil der Westmauer betet einsam eine junge religiös gekleidete jüdische Frau. Zur Zeit gibt es ja in Israel eine heftige Debatte darum, ob Frauen überhaupt an der Klagemauer beten dürfen; einige streng orthodoxe Juden wollen das verbieten, auch an dem offiziell für die Frauen reservierten Teil der Klagemauer. Diese Frau hier weicht einfach auf einen anderen Teil aus, der nicht im Blick der streng orthodoxen ist.

Dann zur Erlöserkirche. Die Ausgrabungen darunter bekomme ich mit einer zufällig anwesenden deutschen Gruppe von dem Kollegen erklärt, der dort wissenschaftlich arbeitet. Auf dem Turm ein einmaliger Blick über die ganze Altstadt, den Felsendom, den Ölberg und die Grabeskirche.

Danach noch durchs jüdische Viertel. Die Hurva-Synagoge, die im Reiseführer noch als Ruine abgebildet ist, ist jetzt wieder ganz neu aufgebaut. Davor eine Soldatengruppe, wohl alles wehrpflichtige Rekruten, weil sie keine Waffen tragen. Jungs und Mädels, die, wenn sie keine Uniform tragen würden, eher wie eine Konfirmandengruppe wirken. Eigentlich noch Kinder. Aber locker und nett. Die Wehrpflicht gehört zu jeder Biografie eines Israelis, Mädchen 21 Monate, Jungs drei Jahre.

In der Ben-Yehuda Straße in der Neustadt ein leckeres Eis gegessen und nach mehreren Versuchen einen Geldautomaten gefunden, der meine Karte akzeptiert. Nirgends sind die Menschen so bunt und vielfältig wie hier. Dann wieder nach Ostjerusalem, an der neuen Straßenbahnlinie vorbei, und den Busbahnhof gesucht. Eigentlich kenn ich ihn ja, habe aber festgestellt ist, dass er drei Standorte hat. Ein freundlicher älterer Mann sagt mir dann, wo ich die Linie 21 finde, die mich wieder nach Beit Jala bringt.

Beim Abendessen Jens Nieper getroffen, den Geschäftsführer des Jerusalemsvereins, zu dessen Delegation ich auch gehöre. Essen wie immer überreichlich; das ist so arabische Tradition.

Danach noch mal raus, um die einmalige Planetenkonjunktion zu sehen und zu fotografieren. Letzteres ist nicht so leicht. Aber es ist schon faszinierend, die drei Planeten Merkur, Venus und Jupiter so nahe beieinander zu sehen. So ähnlich muss es den Weisen aus dem Morgenland gegangen sein, als sie deswegen hierher nach Bethlehem kamen. 

29. Mai 2013

Heute Vormittag möchte ich die Schule etwas näher kennenlernen. Ich kann in einer bilingualen 9. Klasse eine Mathestunde in Deutsch miterleben. Als ich während der Pause auf dem Schulhof im Schatten warte, sprechen mich zwei etwa 8-jährige Mädchen an und fragen mich, wo ich her sei, was ich hier mache usw. Sie heißen Melissa und Ranja. Ranja ist in Palästina geboren, Melissa in Deutschland, sie hat eine deutsche Mutter und einen palästinensischen Vater, mit denen sie vor ca. sechs Jahren hierher kam.

Die Mathestunde in der 9. Klasse verläuft recht normal. Die Lehrerin ist aus Deutschland und legt Wert darauf, dass jeder Schüler deutsch (und nicht die Muttersprache Arabisch) spricht. Ungewöhnlich ist, dass es nur elf Schüler sind, sechs Mädchen und fünf Jungen, die alle gut mitmachen und das mathematische Problem (irgendwas mit Flächen-berechnung und Funktionsableitung) erfolgreich lösen. Die Lehrerin sagt mir, dass nicht alle so gut mitmachen. In den nichtbilingualen Klassen sind es nicht nur mehr Schüler, sondern es sind auch oft schwierige Schüler dabei. Manche leben in Flüchtlingslagern. Die teilweise zutage tretende Aggressivität ist sicher auch ein Reflex der Besatzungssituation, die die Schüler in ihren Familien täglich erleben müssen. Ich habe an diesem Tag aber eigentlich nur fröhliche und gutgelaunte Kinder und Jugendliche erlebt.

Nachmittags fahre ich nach Jerusalem. Ich mache erst einen Spaziergang durch Yemin Moshe, das Stadtviertel rund um die Montefiori-Windmühle. Das erste jüdische Wohnviertel außerhalb der Altstadt, das im 19. Jh. errichtet wurde und heute ein vornehm erscheinendes Künstlerviertel ist. Allerdings wirkt es auch wie ausgestorben, denn viele Hausbesitzer sind reiche Juden aus Amerika bzw. Übersee, die nur wenige Wochen im Jahr hier verbringen.

Danach besuche ich das Armenische Viertel. Ich möchte die etwas versteckt liegende Markuskirche der syrisch-orthodoxen Christen sehen. Sie ist aber verschlossen. Als ich davor stehe, fragt mich eine ältere Frau in schwer zu verstehendem Englisch, ob ich die Kirche sehen möchte. Ich freue mich über das Angebot und betrete mit ihr das Kirchenschiff des uralten Gebäudes. Die Frau erzählt mir mit leuchtenden Augen und fast missionarischer Begeisterung, dass diese Kirche auf dem Haus Marias, der Mutter des Evangelisten Markus gebaut worden und daher die älteste christliche Kirche überhaupt sei. Hier habe sich (anders als die sonst übliche Tradition sagt) das Pfingstereignis zugetragen, hier hätten sich die Jünger nach der Auferstehung Jesu versammelt, hier hätten sie den Auferstandenen gesehen, hier waren sie, als Petrus aus dem Gefängnis befreit wurde und die Magd Rhode ihn erst vor lauter Überraschung nicht reinlassen wollte (Apg. 12). Außerdem wird in dieser Kirche eine wertvolle alte Ikone aufbewahrt, die das authentische Bild Marias, der Mutter Jesu zeigt. Denn der Evangelist Lukas, auf den dieses Bild zurückgehe, habe Maria ja noch persönlich gekannt. Er sei nicht nur Arzt, sondern auch Maler gewesen. Dann erzählt sie mir von sich selber, dass sie früher Mathematiklehrerin gewesen sei, wie sie sich bekehrt habe und welche Wunder sie schon erlebt hat, die sie auf die „wundertätige“ Ikone zurückführte: Heilungs- und Sprachwunder, die sie mit einer Gewissheit erzählt, als seien es unumstößliche Tatsachen. Ich möchte keine Zweifel äußern. Sie zeigt mir die Ikone, die ich mich in dem Moment nicht traue zu fotografieren. Ich betrachte sie intensiv, ohne jedoch irgendeine Wunderkraft zu spüren. Nach dem Besuch der Krypta danke ich der Frau und verabschiede mich mit einem Segensgruß. So vielfältig wie die Menschen hier sind auch die religiösen Traditionen. Begegnungen wie diese hatten Pilger im Heiligen Land schon von Anfang an gemacht, wo Wunderwirkungen eine stärkere Überzeugungskraft hatten als archäologische Funde.

30. Mai 2013

Heute war ich nur hier in Talitha Kumi und abends in Bethlehem. Zuerst besichtigten wir mit dem Direktor die Schule, die 1851 von Kaiserswerther Diakonissen in Jerusalem gegründet wurde. Heute gehört zu dem Gelände neben der Schule das Environmental Center, das Pfadfinderhaus, die Turnhalle mit Kletterwand (eine Seltenheit hier in Palästina!), und der Kindergarten. (Informationen unter www.talithakumi.org) Mittags Gespräch mit dem Bildungsreferenten der Ev. Kirche in Palästina, Dr. Charly Haddad, und Schulleitern. Danach drei Stunden Abifeier mit viel lokaler Prominenz und internationalen Gästen (zu denen ich ja auch gehörte). Beginn mit Einmarsch des Spielmannszuges der Pfadfinder mit deutscher und palästinensischer Fahne, vielen Dudelsäcken und Trommeln (ist wohl noch ein kulturelles Erbe aus der britischen Mandatszeit). Alle erheben sich zur (palästinensischen) Nationalhymne, mit Hand auf dem Herz.

Dann alle möglichen Reden von allen möglichen Leuten auf Arabisch, Deutsch und Englisch. Nur wenig wird übersetzt.

Alle haben sich total herausgeputzt. Die stolzen Familienangehörigen und die Abiturienten sowieso. Allerdings fällt das nur bei den Mädchen auf mit ihren Frisuren und hochhackigen Schuhen (10 cm sind gar nichts!), denn alle tragen einen weinroten Talar, die das deutsche Abitur gemacht haben (11 Mädchen und ein Junge) mit gelbem Kragen, die das arabische Abitur gemacht haben (die Mehrzahl also mit weißem Kragen). Kopftücher sieht man bei den Schülern übrigens gar nicht und bei den Angehörigen nur ganz wenig (wahrscheinlich weniger als bei uns in Deutschland).

Zwischendrin natürlich auch ein paar Lieder in den drei verschiedenen Sprachen. Am eindrucksvollsten sind die Reden der Abiturienten. Zwei sprechen in fehlerfreiem und fast akzentfreiem Deutsch, drücken ihre Dankbarkeit aus, ihre Hoffnung und ihre Verbundenheit. Und natürlich auch eine gehörige Portion Patriotismus. Wenn man das hört, kann man wirklich Hoffnung haben für die Palästinensische Gesellschaft, auch wenn diese hier nur eine Minderheit repräsentieren. Eine von den Rednerinnen der "deutschen" Abiturienten heißt Amira und stammt aus einem Flüchtlingscamp; sie konnte nur durch das Internat überhaupt zur Schule gehen und war, wie der Schulleiter uns zuvor gesagt hatte, sehr schwierig gewesen. Sie hat´s geschafft und mit ihrer Rede in Deutsch viele beeindruckt. Die ARD war auch da. Der Videoblog in der ARD zu der Abifeier ist leider nicht mehr im Netz verfügbar.

Danach zum Glück eine Pause. Denn es ist doch irgendwie anstrengend. 

Abends dann fahren wir nach Bethlehem in ein Hotel, wo der Abiball stattfindet. Großer Saal, alles sehr festlich geschmückt, die Menschen sowieso, erst ein paar Vorspeisen, dann werden die Abiturienten feierlich angekündigt. Immer ein Junge führt ein Mädchen die Treppe hinunter nach vorne, nachdem ihre Namen genannt und von allen johlend beklatscht werden. Die Jungs im Anzug, die Mädchen meist in schönen, meist langen, oft auch schulterfreien Ballkleidern. Danach nur noch laute Musik und die ganze Masse tanzt ohne Unterbrechung, einige von den jungen Leuten werden auf den Schultern getragen. Orientalische Lebensfreude. Kurz vor 23 Uhr gibt´s dann Essen. Danach gehen die Musik und das Tanzen weiter, aber ich bin froh, dass ich mit den paar Leuten aus unserer Gruppe zurück nach Talitha Kumi fahren kann und genieße die Ruhe in meinem Zimmer.

31. Mai 2013

Heute (Freitag)ein ganz ruhiger Tag. Morgens keine Kinderstimmen, weil am moslemischen Feiertag (Freitag) eben keine Schule ist (wie am Sonntag auch). Nach dem Frühstück setze ich mich auf eine Bank mit schöner Aussicht im Schatten eines alten Ölbaums. Wenn die Mauer nicht zu sehen wäre, könnte man denken: Was für ein friedliches Land! Ich lese ein bisschen und halte meine Beine in die Sonne. Als es zu heiß wird und ich auf mein Zimmer gehen will, kommen gerade zwei Männer vorbei, einer mit einem kleinen Leinensäckchen in der Hand. Er fragt mich, ob ich nicht beim Beringen des Vogels zuschauen will. Denn im Environmental Center gibt es auch eine Vogelberingungsstation, weil hier in der südlichen Levante die Route der Zugvögel verläuft, wenn sie von Europa nach Afrika fliegen. 

Er holt aus dem Säckchen einen süßen kleinen Vogel heraus (eine Möchgrasmücke, die aber keine Mücke, sondern tatsächlich ein Vogel ist), beringt ihn, vermisst seine Federn und Flügel, bestimmt seine Fett- und Muskelmasse und untersucht auch sonst alles wichtige. Ein anderer trägt alles in ein Buch ein. Dann fragte er mich, ob ich den Vogel nun fliegen lassen möchte. Als er auf meiner Handfläche ist, macht er ein Foto. Im nächsten Augenblick fliegt er davon. Ich bin froh, dass es dem Vogel gut geht, nachdem er so fest in den Händen des Mannes war. Das Foto wird, so sagte er mir, unter www.eecp.org und auf Facebook unter Environmental Education Center zu sehen sein.

Jetzt verbringe ich die heiße Zeit des Tages in meinem Zimmer und bereite mich darauf vor, am späten Nachmittag bei der Abiturfeier in der evang-luth. Dar al Kalimaschule in Bethlehem als Vertreter des Jerusalemsvereins dabei zu sein. Ich soll zwar keine Rede halten, aber ein paar Worte will ich mir doch zurechtlegen. Man weiß ja nie. Die Feier war dann ähnlich wie am Vortag, nur in einem Festsaal außerhalb der Schule, etwas weniger aufwändig und mit lediglich neun Abiturienten, sieben Jungs und zwei Mädchen, die das Tawci (das arabische Abitur) gemacht haben. Wieder Reden, diesmal fast nur in Arabisch, wenige auch in Englisch und Deutsch. Ich saß in der ersten Reihe, musste zum Glück nichts sagen. Der Bischof Mounib Younan redet am längsten und überreicht am Ende die Zeugnisse. Auf dem Rückweg im Taxi nach Talitha Kumi fährt Charly Haddad mit seiner jüngsten Tochter ein Stück mit.

Juni 2013 - 01

Heute beim Frühstück Gespräche mit den Abiturienten, die das deutsche Abitur gemacht haben. Alle ganz leger gekleidet, nur eine Muslima aus Ostjerusalem trägt jetzt ein typisch palästinensisches Kopftuch. Die Abiturienten sind alle sehr motiviert und bedauern es, dass keiner ein Stipendium für Deutschland bekommen hat. Denn die meisten kommen aus verhältnismäßig armen Familien. Dennoch wollen viele dort studieren mit dem deutschen Abi in der Tasche. Ihnen ist bewusst, welche Freiheiten sie durch Talitha Kumi und ihre Ausbildung dort gewonnen haben, die in Palästina keineswegs selbstverständlich sind. Eine gemeinsame Abifahrt können sie nicht machen, weil die muslimischen Schüler nicht die Genehmigungen von den Israelis bekommen, die sie dafür bräuchten.  Ich spreche mit Mariana Rauali, die aus einer großen christlichen Familie in Beit Jala kommt und deren Vater Taxifahrer ist. Sie hat zwar auch einen chilenischen Pass (wegen irgendwelcher verwandtschaftlichen Beziehungen), versteht sich aber als Palästinenserin, die ihr Land liebt. Sie möchte gerne Politik in Deutschland studieren, um sich später in Palästina zu engagieren. Andere Abiturienten erzählen, dass in Beit Jala und in Bethlehem der Anteil der Christen sinkt, u.a. auch weil in den Moscheen kostenlose (Kranken-?) versicherungen angeboten werden, die sich viele sonst nicht leisten können und es daher aus materiellen Gründen immer wieder mal zu Konversionen kommt. Das Geld für solche „Wohltaten“ mit Hintergedanken fließt reichlich aus Qatar. Aber sonst ist der familiäre Zusammenhalt sehr stark, das ist etwas, das auch die sehr kleinen christlichen Gemeinden stabilisiert.

Später ist die Abschlussfeier des Community Colleges (so eine Art Hotelfachschule hier in Talitha), danach Bibliothekseröffnung mit netten Vorführungen der Kinder und toller Ausstattung mit überwiegend deutschen Büchern und Computern, und danach - sozusagen als Höhepunkt - die Kindergartenabschlussfeier. 

Mein Bedarf an Festreden in arabischer Sprache ist erst mal gedeckt. Aber die Kindergartenfeier war wirklich bombastisch. 1 1/2 Stunden, wobei die Leiterin nur eine kurze Rede von ca. 10 Minuten gehalten hat. Aber die Inszenierung war wirklich außergewöhnlich. Ca. 30-40 5-jährige Kinder (Schulkinder von insgesamt 140) ziehen feierlich in roten Talaren mit "Doktorhüten" ein und präsentieren dann ein abwechslungsreiches Programm mit Liedern, Tänzen, Vorspielen und immer wieder neuen Kostümen. Zum Schluss bekommt jeder - namentlich aufgerufen - feierlich ein "Zeugnis" in einer edlen weinroten Kunstledermappe überreicht. Darin befinden sich ein Foto des Kindes und eine Urkunde. Zum Schluss noch eine große Torte mit Gratulation drauf. Ob Kindergarten oder Abi - die Leute hier wissen, wie es feierlich geht!  Welches pädagogische Konzept dahinter steht, wird jedoch überhaupt nicht deutlich.

Heute nachmittag war ich noch mit Kirchenpräsident Liebig und Pröpstin von Kirchbach kurz in Bethlehem. Die Geburtskirche überraschend leer, nur eine Handvoll muslimischer Touristinnen, die mit ihren Handys Fotos machen. Man konnte ganz in Ruhe Zeit in der Geburtsgrotte verbringen. Danach noch kurzer Bummel durch die Hauptgeschäftsstraße und dann noch auf eine Tasse ins Café. Gespräche mit unserem sehr netten christlich-palästinensischen Taxifahrer.

Heute Abend ist das Grillfest mit Verabschiedung der Volontäre (so eine Art FsJ-ler aus Deutschland). Es gab Gegrilltes (auch vom Schwein, was hier im Land selten ist) und das übliche leckere arabische Essen. Einige Lehrer und Volontäre wurden verabschiedet. Die Frauen haben in der Mitte getanzt, einige Männer im Hintergrund ihre Wasserpfeife geraucht. Danach noch ein intensives kritisches Gespräch in unserer Delegation des Jerusalemsvereins zur Evaluation der letzten Tage. Es ist ja alles nicht so einfach mit so vielen unterschiedlichen Interessen und Mentalitäten und den hier gegebenen Rahmenbedingungen.

Juni 2013 - 02

Heute war dann ein Tag fast ohne Programm. Als ich zum Gottesdienst um 10.30 Uhr zur Erlöserkirche fahren wollte, fuhr mir grad der Bus vor der Nase weg. An der Bushaltestelle wartend, fragte mich auf einmal eine (deutsche) Lehrerin der Schule, ob sie mich in ihrem Auto mitnehmen könnte zum Gottesdienst. Das war natürlich sehr angenehm. Der Gottesdienst war schön, ziemlich lang (1 1/2 Std.) und gar nicht so gut besucht. Ist jetzt halte keine Saison mehr für Gruppenreisen. Obwohl man sonst an den Heiligen Stätten immer noch viele Gruppen, auch deutsche trifft. Die anderen fahren nach dem Kirchencafé zum Flughafen. 

Ich bin danach zur Dormitio-Abtei (kath.), wo radikale Siedler antichristliche Schmierereien angebracht haben, wie ich in der Jerusalem Post las (die ich allerdings nicht gefunden habe, wahrscheinlich waren sie schon entfernt), und zum Davidsgrab. Dort komme ich mit einem jungen Rabbi (schätzungsweise so Anfang oder Mitte 20) ins Gespräch. Er fragt mich, wie oft ich bete und wir sprechen über Gemeinsames unseres Glaubens. Er ist sehr freundlich und offen. Als er erfährt, dass ich aus Deutschland bin, kommt sofort die Frage: "Bayern oder Dortmund?" Ich sage ihm, dass mein Sohn Dortmund-Fan ist und mir die Dortmunder auch sympathischer sind, weil bei Bayern das Geld noch mehr im Mittelpunkt steht. Er nickt.

Danach bin ich unterwegs durch die Altstadt. Im jüdischen Viertel auffallend viele junge Soldaten in Gruppen unterwegs, als wären sie auf einer Jugendfreizeit. 

Dann Bummel auf der Mammilla Avenue und der Ben-Yehuda. Hier den jungen König David gesehen: ein Straßenmusiker mit schwarzen Haaren und leichtem Bart auf einer Davidsharfe spielend, vor sich ein Sammeltuch. Jesus war mir ja schon in der Grabeskirche begegnet. Ein Eis reichte als Mittagessen. 

Die Rückfahrt im Bus ist nervig, stockend und heiß. Der Busfahrer vergisst rechtzeitig zu halten (so richtige Haltestellen gibt´s in Beit Jala nicht, anders als in Jerusalem), so dass ich eine ganze Strecke in sengender Hitze zurücklaufen muss.  Jetzt genieße ich die Ruhe des Abends ohne Programm. Habe nach dem Essen noch einen kleinen Spaziergang über das Gelände gemacht und gelesen. Hoffentlich kommt heute Nacht noch ein bisschen Kühle durchs Fenster. Die Schokolade ist so weich, dass man sie kaum essen kann. Während in Deutschland Hochwasser ist, hier nur trockene Hitze und Wassermangel (wobei Talitha Kumi eine relativ gute Wasserversorgung hat).

Juni 2013 - 03

Heute treffe ich mich mit der Kollegin der Evang.-Luth. Erlöserkirche Ulrike Wohlrab. Termin ist um 15 Uhr. Vorher mache ich einen Weg von der Altstadt über den Fuß des Ölbergs und wieder zurück. Auf dem Platz vor der Klagemauer mehrere Bar-Mizwa-Feiern. Zum ersten Mal wird der Gebetsriemen angelegt, es wird gejohlt, getanzt und gefeiert. Von der Trennmauer zum Frauenteil schauen die weiblichen Verwandten zu. Alles wird gefilmt und fotografiert. Auf dem weiteren Weg eine Gruppe von jüdischen Mädchen, die alle eine Urkunde ihrer Bat-Mizwa-Feier in der Hand haben. Die wird scheinbar nicht so groß und individuell gefeiert. Die Gräber am Fuße des Ölbergs sind eindrucksvoll. Der Garten Gethsemane hat mittags geschlossen. Das unterirdische Grab Marias aber ist noch geöffnet, kühl und nur von wenigen Leuten besucht. Kalter Weihrauchgeruch und unzählige Lampen in der orthodoxen Krypta.

Ich bin etwas zu früh in der Erlöserkirche und genieße es, einfach da zu sein und in Ruhe in der Kirche zu sitzen, in die ab und zu Besucher hineinkommen. Das Gespräch mit der Kollegin ist inhaltsreich und bringt mir einiges für das Thema meiner Studienarbeit. Wir sitzen im kühlen mittelalterlichen Kreuzgang neben der Erlöserkirche. Danach fahre ich wieder mit dem Bus nach Talitha Kumi und bereite mich auf die Heimreise vor. Das Gästehaus steht jetzt fast leer, weil es ein gutes halbes Jahr lang renoviert wird. Ich denke, dass ich sicher nicht das letzte Mal da war und bin gespannt, wie es dann aussehen wird.

Pfarrer Thomas Sinning

 

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