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BWV 18 - "Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt“

„Ihm wird gelingen, wozu ich es sende.“

Die Zusage Gottes und unsere Einwände

Predigt gehalten von Pfarrer Andreas Klein im Kantatengottesdienst zu seinem Abschied am 24.02.2019 in der Bergkirche.

Liebe Sängerinnen und Sänger,
liebe Musikerinnen und Musiker,

haben Sie vielen herzlichen Dank für die wunderbare Kantate. Sie haben damit genau das getan, wovon Sie gesungen haben: Samen streuen auf gutes Land. Die Töne und die gesungenen Worte, verschmelzen miteinander und manchmal geschieht das Wunderbare: Im richtigen Moment taucht ein gehörter Satz, eine Phrase tritt wieder in meiner Seele auf und spricht mich an, tröstet mich, ermutigt mich – lässt mich leben.

Johann Sebastian Bach hat diese Worte des Liederdichters und Theologen Erdmann Neumeister vertont, der Schlusschoral ist die letzte Strophe eines Chorals von Lazarus Spengler. Wenn man im Internet die Bilder dieser Herren aus der Barock-Zeit sieht, mit den gepuderten Perücken und den kostbaren Gewändern, dann mag man allerdings kaum für möglich halten, dass ihre Rezeption der biblischen Gedanken sich von unserer Art doch so wenig unterscheidet! Manches unterscheidet uns aber gründlich: Von „des Türken und des Papsts grausamen Mord und Lästerungen“ texten wir nicht mehr – und sind froh, dass wir heute vieles in ökumenischer Geschwisterschaft leben und feiern.

Zwei biblische Texte sind die Grundlage des Ganzen.

In Jesaja 55 kommt Gottes Wort zur Gemeinde im Exil in Babylon. Es ist ein Wort, das zum Vertrauen einlädt:

10 Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. 

Man kann es sich leicht vorstellen, wem so etwas gesagt wird. Da hat man eine wunderbar schöne Thomasmesse gefeiert und steht am Ende in der Dreikönigskirche zusammen und denkt: Es war wirklich gut – aber es wäre doch noch Platz in der Kirche gewesen. Da hat man gerade Deutschherrnfest gefeiert, es wurde abends kalt und es regnet – nur die LED-Kerzen flackern noch. Und man wird unsicher, ob das jetzt umsonst war – die ganze Mühe? Da geht gerade der Konfirmationsgottesdienst zu Ende und die Konfis verabschieden sich bei Pfarrern und Team: „Das war voll schön – danke!“ – und man ahnt: Wenn es gut geht, sieht man sie in 14 Jahren als Taufeltern wieder. Hat sich alles gelohnt? Wir sind doch wieder nicht gegen den Trend gewachsen, wir haben doch wieder nicht die Volkskirche gerettet.

Gegen diese Haltung steht das klare Wort – in der Kantate als Rezitativ vom Bass gesungen – übrigens das erste Rezitativ, das Bach für eine Kantate verwendet hat. Die Botschaft ist ganz klar: Regen und Schnee feuchten den Boden und das weckt den Samen auf. Die Erde wird fruchtbar. Wir haben Brot zu essen. Das ist Hinweis genug, dass auch Gottes Wort so wirkt. Es kommt nicht leer zurück, bewirkt etwas, führt seine Sendung aus!

Den zweiten biblischen Text, der zugrunde liegt, haben wir als Schriftlesung schon gehört. Das Gleichnis vom vierfachen Ackerfeld: Saatgut fällt auf Weg und Fels und Dornen und dann – auf gutes Land und hundertfache Frucht wächst heran. Damit endet das Gleichnis und macht damit die Rechnung auf: Es ging viel verloren, aber das Saatgut, das auf gutes Land fiel, trägt hundertfach – gleicht alle Verluste überreich aus. Das könnte einem genug sein. Aber schon damals hat das Ereignis der hundertfachen Frucht weniger Interesse erzeugt als die Frage des Verlustes: Was ist mit dem Saatgut auf dem Weg passiert. Was ist genau mit dem Fels und den Dornen gemeint? Schon die Auslegung des Gleichnisses im Evangelium, genauso wie die Ausgestaltung im Libretto richtet den Blick auf das, was schief gehen kann.

Fällt das Saatgut auf den Weg, dann ist es der Satan, des Teufels Trug, der verhindert, dass das Wort ins Herz dringt. Fällt das Saatgut auf den Fels, so ist es Verfolgung und körperliches Leid, das uns droht und das uns aufgeben lässt. Fällt das Saatgut in die Dornen, so sind das die Fänge der Leibesfreuden und der Wollust, die uns in Besitz nehmen.

Und immer wieder wird mit den Worten und Klängen der Litanei die Luther schon in seiner Liturgie verwendet hat, geantwortet!

Den Satan unter unsre Füße treten.
Erhör uns, lieber Herre Gott!
Und vor Wüten und Toben väterlich behüten.
Erhör uns, lieber Herre Gott!
Alles Irrige und Verführte wieder bringen.
Erhör uns, lieber Herre Gott!

Die Beschäftigung mit dem Scheitern nimmt Drei Viertel in Anspruch und damit fast die ganze Kraft und bestimmt die ganze Emotion. Ganz ausführlich wird das Scheitern beschrieben und es wird nach Ursachen geforscht.

Aber als Gegenmittel soll das Vertrauen in Gottes Wort groß werden. Das rahmt alles ein.

Am Anfang heißt es:

Mein Gott, hier wird mein Herze sein:
Ich öffne dir's in meines Jesu Namen;
So streue deinen Samen
Als in ein gutes Land hinein.

Am Ende steht die persönliche Vergewisserung:

In dein Huld Setz ich all mein Vertrauen:
Wer sich nur fest darauf verläßt
Der wird den Tod nicht schauen.

Aber insgesamt ist da etwas geschehen, das könnte uns genauso gut geschehen.

Die Zuversicht des biblischen Wortes, dass das Wort selbst

es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, das mir gefället, und soll ihm gelingen, dazu ich's sende,

diese Zuversicht scheint ganz abhanden gekommen zu sein. Es wird auf die Gründe des Scheiterns geblickt, nicht auf die Bedingungen für das Gelingen: Wie ist das, wenn es anwächst, was tun, damit die junge Pflanze geschützt wird? Was braucht es zum weiteren Wachstum? Wie kann ich hundertfache Frucht gut teilen unter so vielen, die es brauchen?

Die Frage ist wirklich, ob wir es schaffen, den Blick zu wenden; wie wir die Angst, dass es nun wieder nichts wird hinter uns lassen können und das Vertrauen fassen können, das Gott selbst in das Wort gelegt hat:

Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. 

Es war am vergangenen Freitag – da war ich mit der Andacht dran bei der Winterspeisung, die die Hoffnungsgemeinde in der Kaffeestube Gutleut ausgibt an Menschen, die nur wenig haben. Da geht es los mit einer kleinen Andacht und ich habe ein Lied gesungen, das die Leute kennen: „Lean on me – when you’re not strong“ und ein Bibelwort gesagt, das uns immer wieder inspiriert, anderen zu helfen. Im Galaterbrief steht es:

„Einer trage des anderen Last!“

kaum habe ich das ausgesprochen, zum zweiten Teil des Satzes bin ich gar nicht gekommen, regt sich lauter Widerspruch im Saal. Einer der Wohnungslosen ruft laut, was das denn für ein dummer Satz sei, wer sowas sage, habe ja wohl keine Ahnung; seine Last kann niemand tragen! Ich bin nachher nochmal zu ihm gegangen und habe mit ihm gesprochen, aber in diesem Moment war ich erst einmal sprachlos. Eine schlagfertige Antwort fällt mir auch erst in der Regel zwei Tage später ein. Ich habe das Tischgebet gesprochen und es beim Widerspruch belassen.

Was ich damit sagen möchte. Da habe ich das erlebt: Gottes Wort wirkt – es ist nur nicht so, dass die Wirkung meinen Erwartungen entspricht. Ich hoffe auf Glauben, auf Dankbarkeit, auf Zustimmung, ich freue mich über dankbares Nicken, das ist besser als seliges Schlummern, aber Widerspruch, Streit, Protest, sind wir nicht so gewohnt.

Und das lässt mich nicht los. Wenn wir das wirklich erreichen und erleben wollen, dass Gottes Wort in unserem Umfeld wirkt, dann ist es sicher so, dass es ganz anderes zugeht, als von uns erwartet. Ein Beispiel dafür könnte die Bewegung der schwarzen Sklaven in den Südstaaten der USA sein. Ihre Sklavenhalter hielten sich selbst ja für Christen und gaben ihren Sklaven die Bibel zu lesen. Und die brauchten nicht viele Kapitel, bis sie bei Mose angekommen sind, der beim Pharao im Namen des Sklavenvolkes und im Auftrag des lebendigen Gottes vorspricht: „Lass mein Volk ziehen“. Daraus wurde der Ruf „Let my people go!“. Gottes Wort wirkt – nur anders als wir vielmals denken!

Wenn wir daran gehen, nicht fehlerorientiert auf die Gründe des Scheiterns, sondern auf die Bedingungen des Gelingens schauen, und von der eigenen Wirksamkeit dieses Wortes Gottes ausgehen, dann ist es so, dass das Wort nicht durch uns Wirkung gewinnt, sondern das wir das Wort selbst wirken lassen, ihm Raum geben. Wir müssen es nicht gut katholisch durch ein Lehramt absichern, und nicht gut evangelisch durch gelehrte Predigt vor Mißverständnissen schützen. Unsere Aufgabe ist, es auszustreuen, wachsen und wirken lassen.

Es kehrt nicht leer zurück.

Amen.

 

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Libretto

1. Sinfonia

2. Recitativ B
Gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin kommet, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und wachsend, daß sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen: Also soll das Wort, so aus meinem Munde gehet, auch sein; es soll nicht wieder zu mir leer kommen, sondern tun, das mir gefället, und soll ihm gelingen, dazu ich's sende.
(Isaiah 55:10-11) 

3. Recitativ T B und Litanei - Chor 
Mein Gott, hier wird mein Herze sein:
Ich öffne dir's in meines Jesu Namen;
So streue deinen Samen
Als in ein gutes Land hinein.
Mein Gott, hier wird mein Herze sein:
Laß solches Frucht, und hundertfältig, bringen.
Herr, Herr, hilf! o Herr, laß wohlgelingen!
Du wollest deinen Geist und Kraft zum
Worte geben,
Erhör uns, lieber Herre Gott!
Nur wehre, treuer Vater, wehre,
Daß mich und keinen Christen nicht
Des Teufels Trug verkehre.
Sein Sinn ist ganz dahin gericht',
Uns deines Wortes zu berauben
Mit aller Seligkeit.
Den Satan unter unsre Füße treten.
Erhör uns, lieber Herre Gott!

Ach! viel verleugnen Wort und Glauben
Und fallen ab wie faules Obst,
Wenn sie Verfolgung sollen leiden.
So stürzen sie in ewig Herzeleid,
Da sie ein zeitlich Weh vermeiden.
Und uns für des Türken und des Papsts
[Und uns für des Feindes und Satanas]*
grausamen Mord und Lästerungen,
Wüten und Toben väterlich behüten.
Erhör uns, lieber Herre Gott!

Ein andrer sorgt nur für den Bauch;
Inzwischen wird der Seele ganz vergessen;
Der Mammon auch
Hat vieler Herz besessen.
So kann das Wort zu keiner Kraft gelangen.
Und wieviel Seelen hält
Die Wollust nicht gefangen?
So sehr verführet sie die Welt,
Die Welt, die ihnen muß anstatt des Himmels stehen,
Darüber sie vom Himmel irregehen.
Alle Irrige und Verführte wiederbringen.
Erhör uns, lieber Herre Gott!

(Excerpts from the Litany)

4. Arie
Mein Seelenschatz ist Gottes Wort;
Außer dem sind alle Schätze
Solche Netze,
Welche Welt und Satan stricken,
Schnöde Seelen zu berücken.
Fort mit allen, fort, nur fort!
Mein Seelenschatz ist Gottes Wort. 

5. Choral
Ich bitt, o Herr, aus Herzens Grund,
Du wollst nicht von mir nehmen
Dein heil’ges Wort aus meinem Mund;
So wird mich nicht beschämen
Mein Sünd und Schuld, denn in dein Huld
Setz ich all mein Vertrauen:
Wer sich nur fest darauf verläßt,
Der wird den Tod nicht schauen.

("Durch Adams Fall is ganze verderbt," verse 8)

 

 

 

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