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Pilgern

Sommerkirche der Dreikönigsgemeinde
Psalmen - Wege zum Glauben

Predigt zu Psalm 121 - gehalten von Pfarrer Andreas Klein im Taufgottesdienst am 08.07.2018 in der Bergkirche.

EG 749 Psalm 121

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.

Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.

Der Herr behütet dich;
der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.

Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!

Liebe Gemeinde,

ich lese uns etwas vor – ein Absatz aus einem Buch, das vor einigen Jahren absoluter Bestseller war:

„Der Schöpfer wirft uns in die Luft, um uns am Ende überraschenderweise wieder aufzufangen. Es ist wie in dem ausgelassenen Spiel, das Eltern mit ihren Kindern spielen. Und die Botschaft lautet: Hab Vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch der Fänger sein.

Und wenn ich es Revue passieren lasse, hat Gott mich auf dem Weg andauernd in die Luft geworfen und wieder aufgefangen. Wir sind uns jeden Tag begegnet.“


Hape Kerkeling, Ich bin dann mal weg. S. 345

Wissen Sie von wem das ist? Das sind die letzten Zeilen von Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“. Dieses Buch war 103 Wochen lang in den Jahren 2006 bis 2008 auf dem Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste: Ein amüsanter, tiefgehender und lesenswerter Bericht von einer Pilgerreise und was passiert, wenn sich ein bekannter deutscher Komiker zu Fuß auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela macht und wirklich dort ankommt. Und besonders wichtig fand ich, dass es in vielen Seiten um unser Bild von Gott ging – und was wir erleben und glauben können. Diese Gedanken haben sich Hape Kerkeling – und es war gewiss nicht sein Ziel gewesen – beim Pilgern erschlossen!

Pilgern ist nach wie vor in en vogue! Im vergangenen Jahr wurde der Pilgerweg von Worms nach Eisenach eingerichtet und die Dreikönigskirche liegt auch auf dem Weg der Stationen. Luther war ja im Jahr 1521 auf der Hin- wie der Heimreise von Worms hier in Frankfurt zu Gast. Er hatte dabei sicher nicht im Sinn, dass ihm zu Ehren einmal ein Pilgerweg eröffnet wird.

Denn das Pilgern wurde in der Reformation hart angefochten: Zusammen mit anderen Reformatoren wie Zwingli und Calvin wandte sich auch Luther gegen das mit Aberglauben und Ablasshandel verbundene Pilgerwesen seiner Zeit. Schon Thomas von Kempen hatte in seiner Nachfolge Christi kritisch vermerkt: Wer viel pilgert, wird selten heilig. Und nachdem Norwegen den Protestantismus annahm, wurde dort das Pilgern 1537 sogar unter Todesstrafe gestellt. Das ist sicher wieder abgeschafft und muss uns nicht belasten.

Denn weitab von den Fragen, ob die Pilgerreise einen Ablass von Sünden verschafft, – was heute immer noch Sinn und Zweck des Pilgerns auf dem Jakobsweg ist – ist es doch klar, dass die Auswüchse des Pilgerns heute nicht unser Problem sind.

Denn wir pilgern ja gar nicht, sondern bauen Häuser: Privathäuser und Gemeindehäuser und legen uns fest. Dabei würde es uns guttun, wenn wir uns als „peregrini“ erlebten, als Menschen, die unterwegs sind in ihrem Leben. Und nicht bleiben. Jedenfalls nicht lange.

Unser Leben „fähret schnell dahin als flögen wir davon“, so erzählt es Psalm 90 – und je älter Menschen werden, desto mehr spüren sie, dass ihnen die Zeit wie Sand durch die Finger rinnt. Und mit Sesshaftigkeit und dem trauten Heim, dem Vaterland und dem Mutterboden ist dagegen nicht anzukommen. Vielleicht hatte Luther recht mit seiner Kritik an den Pilgern, die aus waren nach Ablass von Schuld und sich das mit Kilometern verdienen wollten, aber auch Luther sagte am Ende des Lebens. „Wir sind Bettler, das ist wahr“ wir kommen und gehen mit leeren Händen.

Wenn wir also heute über das Pilgern reden, dann weil es ein Bild für das ganze Leben ist! Das Leben als Wanderschaft zu begreifen, als Pilgerweg, das ändert so manche Haltung. Wir sind hier nicht für ewig, und wenn wir uns so einrichten, täuschen wir uns! Wir sind unterwegs sind zu einem Ziel hin.

Ein Tag, der sagt dem andern,
mein Leben sei ein Wandern
zur großen Ewigkeit.
O Ewigkeit, so schöne,
mein Herz an dich gewöhne,
mein Heim ist nicht in dieser Zeit.

Dieser Vers von Gerhard Teerstegen 1745 wäre dann ein Pilgerlied. Oder Psalm 121. Pilgerlieder begleiten uns auf dem Weg, sie deuten und lassen in anderem Licht erscheinen, was wir erleben und sie ändern unsere Haltung!

Psalm 120-134 gilt als das Pilgerliederbuch in den Psalmen. Diese Lieder sind jeweils überschrieben mit Wallfahrtslied. Zu großen Festen zogen die Israeliten nach Jerusalem hinauf. Und die Lieder drücken die Bitten der Pilger aus und ihre Anliegen:

„Ich rufe zu dem Herrn in meiner Not – und er erhört mich.“ Psalm 120,1

Und sie geben uns den priesterlichen Segen wieder, mit dem die Pilger nach dem Fest wieder ins Leben gingen:

„Der HERR segne dich aus Zion, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Psalm 134,3

Und darin auch Psalm 121 – ein besonders schönes Pilgerlied, es deutet den Weg und verleiht eine andere Haltung. Ob wir nun wirklich pilgern oder im übertragenen Sinn unser Leben als Pilgerweg begreifen. Wir haben den Psalm ja gesprochen!

Es sind drei Aspekte, die ich Ihnen mitgeben möchte, wenn dieser Psalm auch zu Ihnen sprechen soll:

1. Höre auf dich und auf die andere Stimme

Die ersten Verse spiegeln ein Zwiegespräch und wir wissen nicht genau, wer da mit wem redet:

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.

Hier ist ein Zwiegespräch im Gange. Da ist ein Mensch, der sorgenvoll hinauf zu den Bergen schaut und nicht recht weiß, wie er über den Pass kommen soll. „Woher kommt mir Hilfe?“. Das ist das Wunderbare an den Psalmen, dass ganz individuelle Sorgen zu Gehör kommen:

Ich stehe vor einem Berg von Fragen und Sorgen und habe nicht den geringsten Schimmer, wo ich anfangen soll und wie das alles gehen soll. Unser Glaube fängt nicht an mit großen Sätzen, die unser Vertrauen widerspiegeln, sondern mit dem ehrlichen Eingeständnis, dass wir keinen Plan haben, wie es gehen soll.

Und dann ist es die andere Stimme, die mir etwas zusagt:

„Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.“

Nun spricht eine andere Stimme, und es ist wie bei „Horch, was kommt von draußen rein!“, etwas, was ich mir selbst nicht sagen kann.

Damit fängt es an. Dass wir Menschen werden, die verstehen, dass Glaube und Vertrauen nur bedeutet, ehrlich zu werden. Hier bin ich. Klein in Hoffnung und habe großen Mist gebaut. Das darf ich sagen – und dann darf ich hören, was ich mir selbst nicht sagen kann:  Da ist einer, „der dich behütet,“ und der „schläft nicht.“

Höre auf dich – sei ganz ehrlich zu dir - und auf die andere Stimme

2. Nimm das Große und das Kleine wahr

Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
...
dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.

An dieser Stelle ist der Psalm so, wie wenn einer mit dem Zoomobjektiv einer teuren Kamera spielt. Dann kann man auf Weitwinkel stellen und die ungeheure und wunderbare Ferne tut gut, lässt mich klein und unwichtig wirken, was ja auch entspannen kann. Auf mich kommt es allein nicht an. Es geht um den Gott, der „Himmel und Erde“ gemacht hat. Der weite Himmel öffnet sich und verschiebt Horizonte und Wertigkeiten!

Aber im nächsten Moment kann ich über Kieselstein stolpern, in großen Gefühlen des Glücks und der Dankbarkeit kann mich die Kritik einer Kollegin komplett aus Bahn werfen. „Was hat die gesagt? Ich sei immer so oberflächlich?“ – und da gilt diese Zusage:

Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.

Und es geht in die feine Wahrnehmung der Ängste hinein. Am Tag kann uns die Sonne stechen, was wissen alle im Orient; aber eben auch „noch der Mond des Nachts.“ Von dessen Licht fürchtete man die Wirkung von Krankheiten.

Auch der Mond soll mir nichts anhaben. Das finde ich so wunderbar und einfühlsam, dass es nicht nur um den großen Glauben geht und um das große Vertrauen, sondern auch um den Kleinkram der Ängste und Sorgen und Peinliche, das ich kaum aussprechen möchte, und das bei Gott seinen Platz hat.

Ein letztes noch:

3. Es geht um Ausgang und Eingang

Wer pilgert, geht in Etappen durchs Leben. 20 km mit 10 kg ist genug für einen Tag. Und dann Essen und ein Glas Wasser oder Wein und schlafen. Und dann wieder wandern. Und nach 10 Tagen hat man 200 km zu Fuß geschafft. Und man staunt darüber!

Es kommt zu einem Rhythmus von Gehen und Pausieren und es gibt immer an jedem Tag „Ausgang und Eingang“; hinaus gehen, noch einmal dankbar grüßen, die Herberge verlassen, und am Abend wieder einkehren an einem neuen Ort.

Und zusätzlich gibt es Pausentage wie den Sonntag. Ruhetage, Tage der Feier und die Unterbrechung.

Und es gibt Krankheitstage, an denen ich aus der Bahn geworfen, ans Bett gefesselt, überhaupt nicht das schaffe, was ich doch schaffen wollte.

Und es gibt Feiertage! Die Hochzeit der Tochter, der Geburtstag des alten Vaters – jetzt wird nicht gelaufen, sondern gesessen und genossen, gefeiert und getanzt.

Und nun höre ich Leute sagen, ja, das sei schön, aber man müsse doch auch einen Plan haben, und ein Ziel auf das man zugeht. Ja, das ist richtig – und dennoch, wer schon einmal erlebt hat, dass Masterpläne gescheitert sind und Ziele sich bei aller Kunst- und Kraftanstrengung sich haben nicht erreichen lassen, der braucht ein anderes Vorgehen. Der denkt – man sagt neudeutsch: iterativ: Schritt für Schritt, mit den Fehlern umgehen lernen, hinfallen und aufstehen, eingestehen, dass ein Ziel verfehlt wurde und ein neues Ziel auf dem Plan steht.

Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!

Amen.

 

 

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