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Sommerkirche der Dreikönigsgemeinde
Psalmen - Wege zum Glauben

Predigt zu Psalm 51 - gehalten von Pfarrerin Silke Alves-Christe am 15.07.2018 in der Dreikönigskirche.

Psalm 51

GOTT, SEI MIR SÜNDER GNÄDIG!
(Der vierte Bußpsalm)

EIN PSALM DAVIDS, VORZUSINGEN,
ALS DER PROPHET NATHAN ZU IHM KAM,
NACHDEM ER ZU BATSEBA EINGEGANGEN WAR.

Einführende Bitte:

Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte,
und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.
Wasche mich rein von meiner Missetat,
und reinige mich von meiner Sünde;

Bekenntnis der Schuld:

denn ich erkenne meine Missetat,
und meine Sünde ist immer vor mir.
An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan,
auf dass du recht behaltest in deinen Worten
und rein dastehst, wenn du richtest.
Siehe, in Schuld bin ich geboren,
und meine Mutter hat mich in Sünde empfangen.
Siehe, du liebst Wahrheit, die im Verborgenen liegt,
und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.

Bitte um Entsündigung:

Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde;
wasche mich, dass ich weißer werde als Schnee.
Lass mich hören Freude und Wonne,
dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.
Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden,
und tilge alle meine Missetat.

Bitte um einen neuen Geist:

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz
und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.
Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,
und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Dankgelübde:

Ich will die Übertreter deine Wege lehren,
dass sich die Sünder zu dir bekehren.
Errette mich von Blutschuld, /
Gott, der du mein Gott und Heiland bist,
dass meine Zunge deine Gerechtigkeit rühme.
Herr, tue meine Lippen auf,
dass mein Mund deinen Ruhm verkündige.
Denn Schlachtopfer willst du nicht, /
ich wollte sie dir sonst geben,
und Brandopfer gefallen dir nicht.
Die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängsteter Geist,
ein geängstetes, zerschlagenes Herz wirst du, Gott,
nicht verachten.

Bitte für Zion:

Tue wohl an Zion nach deiner Gnade,
baue die Mauern zu Jerusalem.
Dann werden dir gefallen rechte Opfer, /
Brandopfer und Ganzopfer;
dann wird man Stiere auf deinem Altar opfern.

Lothar Zenetti, Unschuldswahn

Es sollte uns zu denken geben,
dass heute keiner mehr von Sünde spricht,
und kaum noch einer weiß, was es bedeutet,
erst recht nicht so ein Wort auf sich bezieht und auf sein Handeln.
Niemand fühlt sich schuldig.
Keinem fällt es ein, von irgendwem, gar einem Gott, Vergebung zu erbitten.
Nein, es scheint, als sei das Böse aus der Welt entschwunden.
Lebt es denn nur noch in der Kirche fort?
Da gibt´s noch diese Sorte Mensch: die Sünder.
Da sagt man immer noch wie früher: Ich bekenne,
ich hab gesündigt, Herr, durch meine große Schuld.
Nur in der Kirche wagt man noch zu reden von dem,
was Menschen in Jahrtausenden bewegte:
von unsrer Schuld und göttlichem Erbarmen.
Wenn aber niemand mehr sich schuldig fühlt,
dann braucht´s auch kein Erbarmen und Verzeihn.
Und schuld an allem Bösen sind die andern.
Es wird sich schon wer finden,
gegen den man lautstark sich entrüstet.
Ich hasse diese selbstgerechte Heuchelei.
(Und bin doch grade eben selber schon dabei,
auf andere zu zeigen. Herr, verzeih!)

Liebe Gemeinde!

Vor etlichen Jahren – in einem meiner Gottesdienste in Frankfurt-Höchst – spielte eine Vertretungsorganistin, die eigentlich richtig gut Orgel spielen konnte, aber ausgerechnet bei dem Liedruf:

„Herr, erbarme dich!“,

der gewiß nicht sonderlich schwer zu begleiten ist, hat sie sich ganz fürchterlich verspielt, so daß die Gemeinde diesen Ruf um Erbarmen kaum über die Lippen brachte.

Nach dem Gottesdienst entschuldigte sie sich bei mir, nein, eigentlich war es keine Entschuldigung und kein Bedauern, sondern eine Rechtfertigung, indem sie mir erklärte, sie habe sich so sehr über das Sündenbekenntnis geärgert, dass Sie sich daraufhin bei dem Ruf:

„Herr, erbarme dich!“

verspielt habe. Schuld war also das Schuldbekenntnis, oder ich, die ich es gesprochen hatte, denn das ärgert sie jedes Mal, dass ihr in der Kirche Sünde oder Schuld eingeredet werde, die sie gar nicht begangen hat.

Wie gut, dass bei dem Gottesdienst über den Bußpsalm 51 mit seinem eindeutigen, massiven Eingeständnis von Schuld und Sünde heute ein anderer an der Orgel sitzt!

Ob Pfarrer Lothar Zenetti ein ähnliches Gespräch, vielleicht gar eine ähnliche Rückmeldung nach einem Gottesdienst, veranlasst hat zu seinem Gedicht „Unschuldswahn“?

Es sollte uns zu denken geben, daß heute keiner mehr von Sünde spricht, und kaum noch einer weiß, was es bedeutet, erst recht nicht so ein Wort auf sich bezieht und auf sein Handeln.

Indem wir in unserer Sommerpredigtreihe neben den Lob- und Dank- und Wallfahrtspsalmen auch dem bekanntesten Bußpsalm, dem Psalm 51, Raum geben, bestätigen wir Zenettis nächste Beobachtung: In der Kirche -

da gibt´s noch diese Sorte Mensch: die Sünder. Da sagt man immer noch wie früher: Ich bekenne, ich hab gesündigt, Herr, durch meine große Schuld.

Oder wie wir in jedem Vater Unser beten:

„und vergib uns unsere Schuld!“

Was soll man von dieser „Sorte Mensch“ halten?

Den Ärger oder den Anstoß an solchen Formulierungen

„Ich bekenne, ich habe gesündigt“

höre ich besonders oft von katholischen Mitchristen, die als 9-jähriges Kommunionkind verpflichtet waren zur Beichte und – weil sie partout keine Sünde finden konnten, sich noch Sünden ausdenken mußten, um bei der Beichte wenigstens irgendetwas sagen zu können.

Menschen, Christen, gar unmündigen Kindern Schuldgefühle einzureden, ich kann mir schon vorstellen, dass solche Kindheitserfahrungen prägen, bis man sich schließlich daraus befreit: Nein, zu dieser „Sorte Mensch“, den Sündern, möchte ich nicht gehören.

Aber nun behauptet Dorothee Sölle, es sei das größte Glück, gerade zu dieser Sorte Mensch zu gehören.

„Wer Sünde und Schuld nicht nennen kann, verspielt eine der wundervollsten Fähigkeiten, nämlich das Recht, ein anderer zu werden.“

Für Dorothee Sölle ist es keine Frage: Sünde/Schuld ist nicht etwas, was uns nur von der Kirche eingeredet wurde. Dieser schon verstorbenen, kritischen und streitbaren Theologin war deutlich bewusst, wie sehr Sünde und Schuld unsere Welt durchziehen, wie sehr wir verstrickt sind in Schuldzusammenhänge und welchen Anteil jeder einzelne daran hat, dass unsere Welt so ist, wie sie ist.

Und doch geht es ihr nun nicht darum, die Schuldigen an den Pranger zu stellen, sondern sie zu ermutigen, Schuld auszusprechen. Schuld nicht zuzudecken, nicht zu verdrängen, nicht zu verschweigen, sondern zu benennen: das gehört für sie zu den wundervollsten Fähigkeiten eines Menschen.

Es ist schade, wenn man kirchliche Formulierungen sein Leben lang unter einem negativen Vorzeichen versteht, wenn man als Bedrückung erlebt, was als Befreiung verstanden werden will. Die christliche Botschaft zielt doch nicht darauf, Menschen Schuld einzureden, sondern ihnen Schuld abzunehmen und zu vergeben.

Ich bin jedenfalls froh, zu dieser Sorte Mensch zu gehören, die mit dem Eingeständnis eigener Verfehlungen, eigener Sünde wie in Psalm 51 durchaus etwas anfangen kann.

Ohne die Bereitschaft, eigene Schuld zuzugeben und um Vergebung zu bitten, könnte man es doch gar nicht wagen, eine Ehe einzugehen, man könnte es erst recht nicht wagen, Kinder zu erziehen. Und auch alles menschliche Miteinander in Freundschaften oder am Arbeitsplatz wäre zutiefst gefährdet, wenn ein Versagen nicht ausgesprochen werden könnte, wenn keine Bereitwilligkeit da wäre, eigene Schuld einzugestehen und andere Schuld zu vergeben.

Im Psalm 51 ist das Sündenbekenntnis allerdings wirklich sehr massiv. Vielleicht ist Ihnen, wenn Sie den ganzen Text des Psalms betrachten, aufgefallen, dass in unserem Gesangbuch (EG 727), nach dem wir den Psalm eben im Wechsel gebetet haben, etliche Verse weggelassen sind, z. B. den Vers 7:

Siehe, in Schuld bin ich geboren, und meine Mutter hat mich in Sünde empfangen.

Der ist in der Tat missverständlich. Der Kirchenvater Augustin hat daraus im 4. Jahrhundert nach Christus, also etwa 1000 Jahre nach der Entstehung dieses Psalms, die Erbsündenlehre entwickelt, die die christliche Theologie in der Tat in eine ganz falsche Richtung gelenkt hat. Nirgendwo im Alten und im Neuen Testament ist der Akt der Empfängnis, ist Sexualität als Sünde angesehen und auch in diesem Vers 7 steckt vermutlich einfach ein besonders massives eigenes Schuldempfinden und will etwa ausdrücken: „durch und durch“, „von Anfang an“.

Der Psalm wurde nachträglich dem König David zugeschrieben, der durch den Ehebruch und die Ermordung des Ehemanns von Batseba in der Tat eine große Sünde auf sich geladen hat. Wenn ein Beter nach einem solchen Vergehen sich rundherum als Sünder empfindet, wäre es verfehlt, wenn wir aus diesem einen Satz schließen, dass unschuldige Kinder hier zu Sündern erklärt werden sollen.

Das Alte Testament hat eine durchaus nüchterne Sicht auf den Menschen und sieht ihn „von Jugend an“ kritisch, aber behauptet nicht, dass der Zeugungsakt an sich sündig sei und Babys dadurch Sünder seien. Ich kann verstehen, dass unser Gesangbuch auf diesen missverständlichen Vers verzichtet, weil er leicht ablenken könnte von dem, um was es dem Psalm eigentlich geht: von der klaren Schuldeinsicht eines erwachsenen Menschen. Und von der klaren Gewissheit, dass sich ein wie auch immer schuldig gewordener Mensch nicht vor Gott fürchten muss, dass er von Gott nicht abgeschrieben ist, sondern dass er oder sie sich gerade Gott in seiner Güte und Barmherzigkeit zuwenden darf.

So hat gerade dieser Psalm 51 für Martin Luthers reformatorische Wiederentdeckung der Rechtfertigung eine besonders große Rolle gespielt.

Wie heilsam ist diese Einsicht, die wir schon im Lied 230 gesungen haben, dass wir auf unsere Fehler und Vergehen, auf begangene Schuld, nicht unser Leben lang festgelegt sind, sondern dass Gott neu schaffen wird. In Vers 12 ist das Verb „schaffen“ gebraucht, das sonst nur in der Schöpfungsgeschichte und nur von Gottes Schöpfungshandeln gebraucht wird. Ja, hier wird beschrieben, was Dorothee Sölle das Recht nennt, ein anderer zu werden:

Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz
und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.
Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,
und mit einem willigen Geist rüste mich aus.

Der christlichen Theologie wird so oft vorgeworfen, Sünde zu stark zu betonen, aber im Grunde geht es ihr ja um das großartige Geschenk der Vergebung, um das Wunder des Neuanfangs. Ich will es einmal – vielleicht ein wenig provokant – so sagen: Ich glaube, dass Menschen sich viele Therapiestunden sparen könnten, wenn sie diesen tatsächlichen und totalen Neuanfang, den Gott uns schenkt, wirklich annehmen, wirklich Gott abnehmen könnten. Nicht um das Misstrauen dem Menschen gegenüber, sondern um dieses Zutrauen Gott gegenüber geht es in diesem Psalm der Umkehr und des Neubeginns: um einen wirklich neuen, beständigen, willigen Geist, mit dem Gottes Heiliger Geist uns ausrüsten will.

In den folgenden Versen verspricht der Psalmbeter dann, dass er diesen neuen, beständigen Geist nicht für sich allein will, sondern positiv in die Gemeinschaft einbringen will.

Ich möchte zum Schluss noch etwas zu dem nächsten Lied sagen, der Nummer EG 237, ein Lied, das in unserem Gesangbuch unter der Rubrik „Beichte“ zu finden ist. Erstaunlich ist, dass es sich überhaupt in unserem Gesangbuch findet. Es wurde nämlich nicht von einem Christen, sondern von einem Juden gedichtet, von dem 1935 aus München vertriebenen Fritz Rosenthal, der sich in Israel den hebräischen Namen Schalom Ben-Chorin gab, also: Frieden, Sohn der Freiheit. Diesem engagierten Wegbereiter des jüdisch-christlichen Dialogs bin ich in Jerusalem oft begegnet und habe jedes Jahr, noch im letzten Sommer, seine Witwe besucht, die im November gestorben ist. Sie erzählte, wie stolz ihr Mann darauf war, als einziger Jude einen Platz im christlichen Gesangbuch zu erhalten und wie sie seinen Stolz relativierte, indem sie auf König David verwies, dessen Psalmen schon längst einen festen Platz im christlichen Gesangbuch haben, auch in den vielen Lied- und Choraldichtungen aus Davids Psalmen.

Schalom Ben-Chorins Gedicht, das wir gleich auch singen werden, habe ich Ihnen auch auf dem Gottesdienstblatt abgedruckt.

Und suchst du meine Sünde,
flieh ich von dir – zu dir,
Ursprung, in den ich münde,
du fern und nah bei mir.

Wie ich mich wend und drehe,
geh ich von dir – zu dir;
die Ferne und die Nähe
sind aufgehoben hier.

Von dir zu – dir mein Schreiten,
mein Weg und meine Ruh,
Gericht und Gnad, die beiden
bist du – und immer du.

Schon das erste Wort ist interessant: Es ist ganz und gar ungewöhnlich, dass ein Lied mit Und anfängt - wie mitten im Gespräch. Für hebräische Redeweise ist solches verknüpfende Und am Anfang von Erzählungen oder Rede dagegen geradezu typisch. Man findet es häufig in beiden Teilen der Bibel. Dieses Und weist darauf hin, dass es für hebräisches Denken keine isolierten Fakten oder Worte gibt. Alles hängt zusammen. Nie setzt ein Mensch aus eigener Kraft ein Anfang. Immer schon ist er in Beziehung. Immer schon ist er in Gespräch und Geschichte verwickelt. Es gibt eine Geschichte zwischen dem Du und dem Ich: Die Geschichte eines Suchens. Sie geht von dem Du aus. Adam, wo bist du? fragt die Stimme, die sich auf den ersten Blättern der Bibel zu Wort meldet.

Es ist die erste Frage, die in der Bibel steht. Ihr folgen weitere Fragen: Wo ist dein Bruder? Und Was hast du getan? Am jüdischen Versöhnungstag oder in der christlichen Beichte stellen Menschen sich diese Fragen.

Über das Gedicht von Schalom Ben-Chorin, unser Beichtlied 237, könnte man eine eigene Predigt halten. Ich will lediglich auf die Bewegung und die Zielrichtung hinweisen, die ich im Anschluß an unseren Bußpsalm wichtig finde:

Gottes Name wird hier nicht genannt – Sie kennen diese Zurückhaltung im Judentum. Aber Gott mit dem persönlichen Du zu benennen, sagt ja vielleicht mehr als die Bezeichnung „Gott“. Schalom Ben-Chorin lädt dazu ein, mit unserer Sünde, mit Fehlern, mit Versagen, das uns belastet, uns nicht von Gott abzuwenden, sondern sich gerade ihm zuzuwenden, nicht irgendwo anders, sondern gerade bei ihm Zuflucht zu suchen. Die einzig richtige Richtung ist die zu Gott hin – zu dir.

Dass wir genau dies im Gottesdienst vollziehen und dann, wenn wir im Abendmahl an Seinen Tisch treten, ist gar nicht hoch genug einzuschätzen.

Ein christlicher Kirchenmusiker hat der jüdischen Stimme in unserem Gesangbuch eine Melodie verliehen. Ich hoffe, dass wir mit ihr einen Zugang finden in diese Bewegung hinein: von dir – zu dir. Amen.

 

 

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